Weihnachtserinnerungen an die Dresdner Frauenkirche

Von
Ulrich von Brück, ehemals Pfarrer an der Frauenkirche, Dresden

zum Goßbild
© L. Baseler
Wiederaufbau der Frauenkirche zu Dresden
(Stand Oktober 2003)

Weihnachten löst Erinnerungen aus. Die Gedanken werden in die Vergangenheit gelenkt. Orte des Weihnachtserlebens werden wieder wach. Das gilt zuerst für Bethlehem. Dort hat alles seinen Anfang genommen, was wir mit dem Wort "Weihnachten" in Verbindung bringen. Es bleibt schon ein unvergeßliches Erlebnis, wenn man einmal in der Geburtsgrotte in Bethlehem hat stehen dürfen. In Marmor ist unter einem kleinen Altar ein silberner Stern eingelassen. Er trägt die Inschrift: Hic de Maria virgine Jesus Christus natus est = Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren. Die Frage nach der "Echtheit" der Stätte selbst ist dabei nicht so entscheidend wie die Tatsache, daß wir uns im unmittelbarsten Bereich des Lebens und des Wirkens unseres Herrn befinden, dessen Lebensbeginn und Lebensende mit diesem "Heiligen Lande" nach Gottes Willen untrennbar verbunden sind. Die alte Botschaft muß mit jedem neuen Weihnachten wieder verkündigt und für heute und morgen neu gehört werden. Es sind zwei Aussagen, die nicht voneinander gelöst werden dürfen: "Ehre sei Gott in der Höhe" die eine und "Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens" die andere. So muß es auch Weihnachten 1983 wieder sein.

Die Erinnerungen zu Weihnachten umfassen aber auch Kindheitserlebnisse: Wie haben wir "zu Hause" Weihnachten gefeiert? Und auch diese Erinnerungen hängen wieder mit Orten, besonders auch mit Kirchen, zusammen, deren Besuch das Begehen der Weihnacht mitgeprägt haben. Für viele Leser dieses Artikels wie auch für den Verfasser selbst bleibt in diesem Zusammenhang Dresden eine unersetzliche Bereicherung. Spielte die Frauenkirche für weihnachtliche Erinnerungen an Dresden eine Rolle? Ich meine, in mehrfacher Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Dresdner Striezelmarkt zu nennen. Ich habe ihn noch auf dem "alten" Altmarkt in drangvoller Enge erlebt. Er ist in späteren Jahren mehrfach "gewandert": auf die Ringstraße, auf den Neumarkt gewissermaßen "zu Füßen" der Frauenkirche, in den Stallhof des Schlosses, umgeben von architektonischen Besonderheiten, und schließlich wieder auf den Altmarkt in seiner heutigen Gestalt mit dem Turm der Kreuzkirche und seinem goldenen Kreuz im Hintergrund. Wer je über diesen Striezelmarkt gegangen ist, meint noch den Duft aus verschiedensten "Buden" in der Nase zu haben und sieht einige charakteristische "Stände" vor sich: den Gewürzmann, die Töpferwaren, Gebratenes und Gebackenes, die Schneewatte und nicht zuletzt Sachsens weltbekannte Textilien und Spitzen neben erzgebirgischem Spielzeug, Pyramiden, Räuchermännern und Nußknackern, die Grünhainichener Engel nicht zu vergessen. Einiges von solchem "Schmelz" ist bis heute erhalten geblieben.

All dieses der Adventszeit vorbehaltene Besehen, Suchen und Kaufen, die Christbaumauswahl eingeschlossen, zielte und zielt auf den Heiligen Abend mit seinen Christvespern und mitternächtlichen Messen und Gottesdiensten. Und da wird gesungen. Zuvor schon ist die große Kreuzkirche mit 3200 Sitzplätzen bei drei Weihnachtsliederabenden des Kreuzchores, bei zwei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, und dann bei den Christvespern am Heiligen Abend sowie bei dem Christgeburtsspiel der Kruzianer am ersten Weihnachtstag früh um sechs Uhr jedesmal bis auf den letzten Platz und noch darüber hinaus gefüllt. 1924 bis 1933 selbst Kruzianer und von 1950 bis 1980 Prediger an der Kreuzkirche, habe ich an dieser Gottesdienststätte Weihnachten in Dresden miterlebt und mitgestaltet. Manchesmal hat man gedacht, so schön könnte es nur in Dresden sein.

Die letzten Kriegsjahre zwangen zu mancherlei Einschränkungen. Die Kreuzkirche war noch nicht, anders als die Frauenkirche, an das Dresdner Fernheizungsnetz angeschlossen. So wurden die großen weihnachtlichen Aufführungen des Kreuzchores und vor allem auch die Christvespern, erinnere ich mich richtig, ab 1942 in die Frauenkirche verlegt. Hier ergaben sich auch Möglichkeiten wie sonst nirgends, wenn ich nur an den Gesang des "Vom Himmel hoch, da komm ich her" durch die jungen Sopranstimmen aus der Kuppel in den riesigen Kirchenraum denke.

Der Aufbau und die Charakteristik der Christvespern der Kruzianer war durch die Verlegung in die Frauenkirche nicht verändert worden. Wenige Jahre nach seinem Dienstantritt im Jahre 1930 als der 25. Kreuzkantor seit der Reformation hatte Rudolf Mauersberger begonnen, erzgebirgische Elemente der Weihnacht, wie sie ihm im Heimatdorf Mauersberg vertraut geworden waren, in die Stadt "zu verpflanzen". Es war ein gelungenes Wagnis, die alten volkstümlichen Weihnachtslieder, besonders auch Kinderlieder samt erzgebirgischem Brauchtum wie dem "Kindelwiegen" und den alten "Quempas", dem Singen der Weihnachtsbotschaft "an vier Orten in der Kirche" in die Christvesperordnung aufzunehmen. Eine eigene Choralmelodie zu "Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel in Chören" steuerte Mauersberger selbst bei und umrahmte diesen Gesang der Gemeinde mit Pauken, Trompeten und vollem Orgelwerk, wie schon zu Paul Gerhardts Zeiten in der Nikolaikirche in Berlin die Hoftrompeter zur Christgeburt "gewaltig Tusch und Lärm rühreten". Das Weihnachtsevangelium wird in Absätzen durch Kruzianer-Solisten gesungen. Nach dem abschließenden Singen des "O du fröhliche" buchstäblich aus tausend Kehlen und mit Posaunen, Pauken und Orgel setzt nach der zweiten Christvesper das volle, riesige fünfstimmige Geläut der Kreuzkirche ein, das auch den Zweiten Weltkrieg wegen seines hohen Wertes unversehrt überstanden hat.

Erinnerungen sind das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, so hat Novalis gesagt. Da ist sehr Richtiges daran. Dennoch sollen wir nicht in Erinnerungen hängen bleiben. Es gilt sie nutzbar zu machen für die Gegenwart und für die Zukunft. Kommenden Generationen haben wir weiterzugeben und weiterzusagen, was uns groß und wichtig geworden ist und unser Leben geprägt und verpflichtet hat. In diesem Sinne sind auch diese weihnachtlichen Erinnerungen an Dresden geschrieben und zu verstehen.

 

Aus: Weihnacht in Sachsen von Seiner Königlichen Hoheit Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen (beim Verlag vergriffen, Neuauflage für 2004 geplant)

 
     
     
 

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