Bayrisch-östereichisch-sächsische Weihnacht

Von
Seiner Königlichen Hoheit
Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen

zum Goßbild
Zeichnung von
G. Hildebrandt
Weihnachtsmarkt
an der Frauenkirche

Ziel und Aufgabe der landesgeschichtlichen Forschung ist es, die Kontakte zwischen Sachsen und dem bayrisch-österreichischen Raum herauszuarbeiten. Dafür ist die Volkskunde ein nahezu ideales Betätigungsfeld, ist sie doch als Teilgebiet der Kulturgeschichte vorherbestimmt, in vergleichender Betrachtungsweise Verbindungen sozialer und kultureller Art darzustellen. Dafür liefert das Volksbrauchtum der Advents- und Weihnachtszeit interessante Beispiele. In diesen Zusammenhang gehört auch der Bereich der bayrisch-österreichischen und sächsischen Weihnacht, wobei es zwischen beiden Regionen wichtige Querverbindungen gibt. Im Rahmen unserer Ausführungen wollen wir einige bezeichnende Beispiele aus Bayern, Tirol und Sachsen herausgreifen.

Auf unserem Streifzug durch das bayrische Volksbrauchtum der Advents- und Weihnachtszeit besuchen wir zunächst die Barockkirche von Fürstenzell, südwestlich von Passau in Niederbayern. In dieser ehemaligen Zisterzienserkirche findet am 23. Dezember jeden Jahres das "Christkindl-Ansingen" statt. Dieser Brauch, der auch im Bayerischen Wald in der Gegend von Zwiesel noch heute ausgeübt wird, ist in den Bereich der Kirche von Fürstenzell verlegt. Über die ursprüngliche Bedeutung des Christkindl-Ansingens schreibt Simon Aiblinger:

"Bei diesem Christkindl-Singen handelt es sich um ein Weihnachtsspiel, das im 19. Jh. von Glasmachern aus der Oberpfalz über das benachbarte Böhmen in den Bayrischen Wald gekommen ist. Das Spiel verläuft nach mündlich überlieferten Regeln. Auch die Texte sind nie aufgeschrieben worden. Die Rollen verteilen sich auf neun Kinder, die alle ihre fest vorgeschriebenen Kostüme haben. Maria trägt einen blauen Mantel und eine Goldkrone, zwei Engel treten in Kommunionkleidern auf mit künstlichem Engelshaar und ebenfalls Goldkronen auf dem Kopf, das Christkind hat ein bodenlanges weißes Kleid mit Silberborten an. Es hält in der rechten Hand einen kleinen geschmückten Christbaum und hat silberne Flügel. Weitere Personen sind ein Schäfer und eine Schäferin mit Strohhut und Blumenkorb, Haselnußstecken und Fellumhang, Petrus mit der Bischofsmütze, dem Bischofsstab und großem Schlüssel, ein Nikolaus mit einem schwarzen, pelzbesetzten und mit Goldsternen bestickten Mantel und mit langem Bart, und schließlich Joseph, der einen Filzhut auf dem Kopf und einen Haselnußstecken in der Hand tragen muß.

Bei ihrem Umgang von Haus zu Haus versammeln sich die Kinder im Hausgang und betreten in einer fest vorgeschriebenen Reihenfolge die Stube, wo die Hausbewohner sich schon zurechtgesetzt haben."

Während dieser Darbietung singen die Kinder volkstümliche Lieder zur Weihnachtszeit und erhalten dafür einige Mark Spielgeld. Dieses Christkindl-Singen oder Christkindl-Ansingen kann als letzter Rest der Krippenspiele des Mittelalters und des Barock angesehen werden. Solche Spiele sind uns auch aus Sachsen und speziell aus dem Erzgebirge bekannt. In unserem Fall ist - wie schon erwähnt - das Christkindl-Ansingen in die Barockkirche von Fürstenzell bei Passau verlegt.

Wesentlicher Bestandteil des adventlichen und weihnachtlichen Volksbrauchtums sind die alljährlich in feierlicher Weise abgehaltenen Christ- oder Weihnachtsmetten. Auch in Sachsen, speziell im Erzgebirge, konnten sich trotz der Reformation Martin Luthers die Christmetten weitgehend erhalten. Dasselbe gilt für das besonders im Raum von Schneeberg noch übliche Turmblasen, das vielfach als Überrest einstiger Christmetten aus vorreformatorischer Zeit zu deuten ist. Ähnlich wie in Fürstenzell wird beispielsweise in Lauter im zentralen Erzgebirge das Geschehen um die Geburt Christi durch Buben und Mädchen während der Christmette szenisch dargestellt. Ähnliche Mettenspiele finden wir in vielen Teilen des Erzgebirges und des Vogtlandes.

Noch bis in die Gegenwart herein finden im bayrisch-österreichischen Raum brauchtumsbezogene Weihnachts- oder Christmetten in der mitternächtlichen Stunde vom 24. auf den 25. Dezember statt. Bezeichnend ist, daß die Volksmusik zum beherrschenden Faktor dieser weihnachtlichen Gottesdienste wird und damit die weihevolle Stimmung der ländlichen und in vielen Fällen auch der städtischen Gotteshäuser noch zusätzlich erhöht. So wird zum Beispiel in Fürstenfeldbruck in Oberbayern eine "Alpenländische Christmette" veranstaltet, von der eine Dokumentation auf Schallplatte aus dem Jahre 1975 vorliegt.

Bekannt ist uns bereits, daß auch die Spieluhren eine besondere Bereicherung für die Gestaltung des Weihnachtsfestes darstellen. Ausgehend von der Messestadt Leipzig verbreiteten sie sich auch in dem bayrisch-österreichischen Raum.

Für die Beziehungen des bayrisch-österreichischen Raumes zum gesamten Bereich der neuen Bundesländer ist aber auch der am Ende des 18. oder zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Gegend von Sterzing in Südtirol entstandene Metten- oder Andachtsjodler wichtig. Auf Grund neuerer Forschungen wissen wir, daß dieser Jodler 1830 in der Christmette während der Heiligen Wandlung - dem Höhepunkt der katholischen Messe - in der Pfarrkirche von Sterzing erklang. Als Folge von Bestrebungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Kirchenmusik von angeblich allzu weltlichen Musikeinflüssen befreien zu wollen, wurde auch das Singen dieses Andachtsjodlers in der Kirche verboten. Dadurch geriet dieses eindrucksvolle Werk der Volksmusik in fast völlige Vergessenheit. Erst der Berliner Gymnasiallehrer Max Pohl machte den Andachtsjodler wieder bekannt. Dazu berichtet der Innsbrucker Volkskundler Friedrich Haider:

"Max Pohl, Gymnasiallehrer in Berlin-Steglitz, verbrachte ungefähr durch zwei Jahrzehnte seine Sommerfrische in Sterzing. Damals lagen in dieser Stadt die nach dem Fundort benannten Liederhandschriften, von denen Pohl einige in die moderne Notenschrift umsetzte. Wahrscheinlich zeichnete er damals auch den Mettenjodler auf. Joseph Eduard Ploner, wie Max Pohl den Wandervögeln angehörend, lernte im Sommer 1912 auf der Seiser Alm durch eine reichsdeutsche Wandergruppe den Mettenjodler kennen. Er sagte selbst: ,Der junge Student war beschämt, ein Lied aus seiner engsten Heimat durch Fremde kennenlernen zu müssen.'"

Von diesem Jodler kennen wir vier Fassungen, und zwar die von Sterzing als die älteste, die Pflerscher Fassung, die in dem westlich von Gossensaß liegenden und die südlichen Stubaier und Ötztaler Alpen erschließenden Pflerschtal entstand, die Pfitscher Fassung, benannt nach dem ostwärts von Sterzing in das Eisack-Tal einmündenden und den südwestlichen Teil der Zillertaler Alpen erschließende Pfitschertal, sowie die uns heute allgemein geläufige Chor-Fassung. Dieser Andachts- oder Mettenjodler ist gegenwärtig in vielen Teilen der bayrisch-österreichischen Alpen und Voralpen bekannt und verbreitet. So wird er beispielsweise in der berühmten Bauern-Messe nach dem Wortsatz von Annette Thoma während der Wandlung den Kirchenbesuchern zu Gehör gebracht und ist alljährlich der krönende Abschluß des weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Salzburger Adventssingens. Der Verfasser hatte das Glück, diese bedeutsame adventliche Brauchtumsveranstaltung im Salzburger Festspielhaus mehrfach mitzuerleben und war stets von der Interpretation des Andachtsjodlers tief beeindruckt.

Die Bauernmesse wird alljährlich in der Wieskirche im oberbayerischen Pfaffenwinkel während der Christmette unter Mitwirkung zahlreicher Volksmusikgruppen aufgeführt. Dazu schreibt Annette Thoma:

"Anspruchslos wie das Gnadenbild und aufgebaut auf den Weisen unserer alpenländischen Hirtenlieder, im Text der Liturgie der Messe treulich folgend, verkörpert die Messe gerade hier am schönsten, was sie sagen will: Die Anteilnahme des schlichten Volkes am erhabenen Opfer der Christenheit. Bäuerliche Sänger aus dem Chiemgau haben sich mit Meistern ihrer Instrumente zusammengetan, um Spiel und Gesang, Kult und Kunst zu einer vollendeten Einheit zu verschmelzen. Da sind die ungeschulten Sänger, denen sich das Streichquartett zugesellt, die Klarinette, die Oboe, welche sinnvoll mit Zither, Gitarre, Hackbrett und Harfe zusammenklingen oder einander ablösen, getragen vom verhaltenen Kontrabaß. Wer nun die ,Bauernmesse' hört in dieser Wiedergabe, die die Errungenschaft menschlichen Geistes in den Dienst des Göttlichen stellt, der schließe die Augen und pilgere mit hinauf in die Wies, mit einem aus aller weltlichen Unruhe gelösten Herzen. Dann lausche er mitbetend dem frommen Singen und Klingen dieser Bauernmesse. Er wird spüren, was der Abt Marianus II. mit dem Diamanten seines Rings in ein Fenster des Prälatenhauses geschrieben hat: Hier wohnt das Glück, hier findet das Herz seine Ruhe."

Eine wichtige Verbindung des bayrisch-österreichischen Raumes zu Sachsen und den übrigen neuen Bundesländern Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen stellt das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" dar. Es ertönte erstmals im Grenzbereich von Salzburg und Oberbayern, wurde aber über die Messestadt Leipzig und damit über Sachsen in alle Welt verbreitet. Dieses wohl schönste Weihnachtslied des deutschen Sprachraumes entstand 1818 auf Grund eines gemeinsamen Vorschlages des Koadjutors Joseph Mohr (1792 - 1848) aus Oberndorf bei Salzburg und des ebenfalls in dieser Gemeinde wirkenden Lehrers Franz Gruber (1787 - 1863). Während der Christmette wurde dieses Weihnachtslied in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Oberndorf bei Salzburg feierlich uraufgeführt. Dabei übernahm Mohr die Tenorstimme und Gruber die Baßstimme, während die Schlußverse vom Kirchenchor insgesamt wiederholt wurden. Dadurch, daß die Orgel dieses Gotteshauses wegen Feuchtigkeit nicht bespielbar war, schuf Franz Gruber eine Gitarrenbegleitung, die noch heute in der Urfassung von "Stille Nacht, heilige Nacht" erklingt.

Der aus Fügen im Tiroler Zillertal stammende Orgelbauer Carl Mauracher (1787 - 1844), der die neue Orgel für die Oberndorfer Pfarrkirche schuf, lernte unser Lied auf diese Weise kennen. So wurde es auch in Tirol bekannt und fand dort in zunehmendem Maße neue Verehrer und Anhänger. Zu diesen zählten vor allem die Geschwister Strasser aus Leimach bei Fügen im Zillertal. Sie betrieben in ihrer Heimatgemeinde ein Handschuhgeschäft und hatten auf diese Weise vielfach Gelegenheit, die für ihre Fachbranche einschlägigen Märkte in Nord- und Mitteldeutschland zu besuchen und ihre Waren feilzubieten. Als Volkssänger ließen sie sich nicht ungern herbei, auf diesen Geschäftsreisen im Rahmen von Konzerten Lieder aus ihrer Tiroler Heimat vorzutragen. So brachten sie zu diesen Anlässen neben anderen Liedern auch "Stille Nacht, heilige Nacht" zu Gehör. Diese weihnachtliche Weise wurde damals als ein namenloses Tiroler Volkslied bezeichnet. Wohl im Dezember 1831 sangen die Geschwister Strasser "Stille Nacht" anläßlich eines geschäftlichen Aufenthalts in der Messestadt Leipzig erstmals auf deutschem Boden, und zwar vor dem Organisten der katholischen Kirchengemeinde, dem Lehrer Franz Alscher. Dieser veranlaßte die Geschwister Strasser, "Stille Nacht, heilige Nacht" in der kommenden Christmette, die damals wie alle katholischen Gottesdienste Leipzigs in der Hofkapelle der Pleißenburg abgehalten wurde, der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen. Diese Aufführung verfehlte ihren Eindruck nicht, denn sonst hätte gewiß nicht im folgenden Jahr 1832 ein unbekannter Verfasser im "Leipziger Tagblatt" gebeten, daß die Geschwister Strasser "Stille Nacht, heilige Nacht" im bevorstehenden Weihnachtskonzert im Saal des "Hotel de Pologne" in Leipzig vortragen sollten. Dadurch würden sie sich viele Freunde ihres herzerhebenden Gesanges zu Dank verpflichten. Ein nach 14 Tagen ebenfalls im "Leipziger Tagblatt" erschienener Bericht über dieses Konzert erwähnte ausdrücklich, daß die Geschwister Strasser dem Wunsch, dieses schöne Weihnachtslied vorzutragen, freundlich entsprochen hätten. Man darf daher mit einiger Sicherheit annehmen, daß diese Volkssänger aus dem Tiroler Zillertal ihr Lied mit besonderer Liebe wieder gesungen haben. Damit wurde es auch in weiten Kreisen der Pleiße-Stadt und weit darüber hinaus im gesamten mitteldeutschen Raum bekannt. So ist uns überliefert, daß sich unter den bei diesem Leipziger Weihnachtskonzert anwesenden Zuhörern der Verleger Friese befunden hatte. Dieser zeichnete wahrscheinlich "Stille Nacht, heilige Nacht" nach seinem Gehör auf. Wenn auch diese Vermutung quellenmäßig nicht belegt werden kann, so erscheint es doch bemerkenswert, daß um 1840 eine Liedersammlung mit dem Titel "Vier ächte Tiroler Lieder" in seinem Leipziger Verlag erschien. Unter den dort aufgezeichneten Kompositionen ist auch "Stille Nacht, heilige Nacht" enthalten. Aus einem zeitgenössischen Bericht geht ferner hervor, daß es im genannten Zeitraum zwischen 1830 und 1840 allgemein verbreitet war. Auch der preußische König Friedrich Wilhelm IV. - der Schwager der beiden sächsischen Könige Friedrich August II. und Johann - zählte dieses Weihnachtslied zu seinen Lieblingsmelodien, ließ er es sich doch alljährlich während der Weihnachtszeit vom Berliner Domchor vorsingen.

Von Mitteldeutschland aus eroberte sich "Stille Nacht, heilige Nacht" in einem unvergleichlichen Siegeszug die ganze Welt. Es wird heute in allen wichtigen Weltsprachen gesungen. Auch Sachsen ist in diesem Reigen würdig vertreten. Dafür liefern der Dresdner Kreuzchor und der Leipziger Thomanerchor bezeichnende Beispiele. In den von beiden Chören auch gegenwärtig in höchster künstlerischer Vollendung gestalteten weihnachtlichen Vespern oder Weihnachtssingen erklingt dieses Lied jeweils am Ende der für die Erhaltung des Volksbrauchtums so wichtigen Gottesdienste der Advents- und Weihnachtszeit. In ähnlicher Weise sind auch die weihnachtlichen Christmetten des Erzgebirges und des Vogtlandes mit diesem wohl schönsten Weihnachtslied des deutschen Kulturraumes verbunden. So dürfen die Bewohner Sachsens mit Stolz vermerken, daß "Stille Nacht, heilige Nacht", auch wenn es dem bayrisch-österreichischen Raum seine Entstehung verdankt, durch den seit 3. Oktober 1990 wieder erstandenen Freistaat Sachsen - besonders durch die Buchstadt Leipzig und ihre weltberühmten Verlage - in alle Welt verbreitet wurde.

 

Aus: Weihnacht in Sachsen von Seiner Königlichen Hoheit Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen (beim Verlag vergriffen, Neuauflage für 2004 geplant)

 
     
     
 

Seitenanfang

zurück

Startseite - Albert Prinz von Sachsen