Seine Königliche Hoheit
Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen

Ihre Königliche Hoheit
Elmira Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen

Die Beziehungen der Albertinischen Wettiner, gezeigt am Beispiel der Freundschaft des Königs Johann von Sachsen, des Königs Friedrich Wilhelm IV von Preußen und des späteren Kaisers Wilhelm I.



 
 

 

Wenn sich der Historiker mit den Beziehungen zwischen Sachsen und Preußen oder den vielfältigen Kontakten der beiden Herrscherhäuser Wettin und Hohenzollern befaßt, wird er meist auf die kriegerischen Auseinandersetzungen, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert stoßen. Diese gingen besonders im 19. Jahrhundert als Folge der Napoleonischen Kriege im Wiener Kongreß 1815 und dem Schicksalsjahr 1866 so weit, daß Sachsen beinahe von der Landkarte verschwunden wäre.
Dagegen sind vielfach die friedlichen Perioden gemeinsamer Geschichte mit interessanten Ergebnissen auf politischem, kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet fast unbekannt.

Da es in einer kurz bemessenen Vortragszeit nicht möglich ist, diese vielfältigen Verbindungen erschöpfend zu behandeln, möchte ich die Freundschaft des Königs Johann mit König Wilhelm I. beispielhaft herausgreifen.
Damit kann gezeigt werden, daß freundschaftliche Bindungen trotz vielfältiger Umstände und politischer Meinungsverschiedenheiten nicht nur aufgebaut, sondern sogar ausgebaut werden konnten.

zum Großbild
König Johann von Sachsen

Im Rahmen der Beziehungen zwischen Sachsen und Preußen nimmt die Freundschaft zwischen König Johann von Sachsen (1801/1854-1873) und seinen preußischen Verwandten aus dem Hause Hohenzollern einen breiten Raum ein. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß dieses freundschaftliche Verhältnis ein Lichtpunkt in einer Zeit war, in der es zwischen beiden Ländern immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Auch die wiederholten Kriege - besonders das Schicksalsjahr 1866 - konnten diese engen Kontakte der Freundschaft nicht unterbinden. Ja, man kann sogar sagen, daß die Freundschaft zwischen dem späteren Kaiser Wilhelm l. und König Johann mit dazu beitrug, Sachsens staatliche Existenz 1866 zu erhalten und es zu einem geachteten Mitglied des neuen Deutschen Reiches von 1870/71 werden zu lassen.
Ausschlaggebend ist die Persönlichkeit des Königs Johann von Sachsen, der am 12. Dezember 1801 als jüngster Sohn des Prinzen Maximilian von Sachsen (1759-1838) und der Prinzessin Carolina von Parma (1770-1804) geboren wurde. 1822 verheiratete sich Prinz Johann mit Prinzessin Amalia, der Tochter von König Maximilian l. Joseph von Bayern (1756-1825). Nach ihr ist übrigens die Amalienstraße im Münchener Stadtteil Schwabing benannt.
Seit 10. August 1854 war Johann Nachfolger seines älteren Bruders König Friedrich August II. von Sachsen, der einem tragischen Unfall in Imst/Brennbichl zum Opfer fiel. An diesen Unglücksfall erinnert noch heute die dem Hause Wettin-Albertinische Linie gehörende Königskapelle.
Am 11. Dezember 1823 trat der damalige Prinz Johann von Sachsen in das Geheime Finanzkollegium ein. Dort war er in erster Linie mit Fragen des Bergbaues und der Errichtung von Staatsstraßen befaßt. Auf diese Weise wurde er auch zu volkswirtschaftlichen Studien angeregt. Ein königliches Dekret ernannte ihn zum Vizepräsidenten des Finanzkollegiums - wir würden heute sagen Finanzministeriums. In den folgenden Jahren beschäftigte sich der Prinz vor allem mit wirtschafts- und sozialpolitischen Problemen. Seit der Einführung der ersten modernen konstitutionellen Verfassung des Königreiches Sachsen am 4. September 1831 war er Mitglied der Ersten Kammer des sächsischen Landtages. 1832 wählten ihn seine Kollegen in die Gesetzgebungsdeputation seiner Kammer. Diese wichtige Stellung hatte er mit Ausnahme des Revolutionsjahres 1849 (Dresdner Mai-Unruhen) bis zu seiner Thronbesteigung 1854 inne. Während der zahlreichen Debatten der Ersten Kammer äußerte er sich wiederholt zu wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen, so etwa zum Armenwesen, der Handelspolitik (Zollverein), Auswanderungsfragen, Bevölkerungsproblemen und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes. Dabei handelte es sich vorwiegend um Probleme, die durch die Industrialisierung Sachsens von besonderer Aktualität waren. Dadurch erwarb sich Prinz Johann auch praktische Erfahrungen, die ihm später als König durchaus zugute kamen. Zudem war es für die damalige Zeit eine große Seltenheit, daß sich ein Angehöriger eines regierenden Fürstenhauses aktiv im parlamentarischen Leben betätigte. Auch während seiner Regierungszeit äußerte er sich wiederholt in diesem Sinn. In der allgemeinen Politik trat er für ein Zusammengehen der beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich ein, auch wenn er an seiner großdeutschen Einstellung nie einen Zweifel aufkommen ließ. So trat er im Schicksalsjahr 1866 trotz seiner freundschaftlichen Verbindungen mit den Hohenzollern auf die Seite Österreichs. Erst nach dem preußischen Sieg bei Königgrätz entschloß er sich nach dem Beitritt des Königreiches Sachsen zum Norddeutschen Bund zur aktiven Mitarbeit und trat sogar mit einem eigenen Verfassungsentwurf an die Öffentlichkeit. Diese Haltung übertrug er auch auf das 1871 neu gegründete Deutsche Reich.

Entsprechend der Tradition seines Hauses Wettin-Albertinische Linie war König Johann auch ein Förderer von Kunst und Wissenschaften. Bekannt wurde er durch die unter dem Namen "Philalethes - Freund der Wahrheit" veröffentlichte, wortgetreue und noch heute viel beachtete Übersetzung von Dantes "Divina Comedia" ins Deutsche. Diese versah er zwischen 1828 und 1849 zusätzlich mit kritischen und historischen Anmerkungen.

Für unseren Zusammenhang ist beachtlich, daß König Johann von Sachsen und sein Schwager König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen eine enge persönliche Freundschaft unterhielten. Noch älter ist allerdings die später ebenfalls in eine Freundschaft ausmündende Bekanntschaft mit König Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm I. Eine erste Begegnung mit König Friedrich Wilhelm IV. ist für das Jahr 1812 festzustellen, wie wir den Erinnerungen König Johanns entnehmen können. Erst als beide die Zwillingsschwestern Amalia und Elisabeth (Elise) - Töchter des ersten bayerischen Königs Max l. Joseph - heirateten, lernten sie sich 1824 nach Ostern in Dessau näher kennen. Dazu schreibt der sächsische König in seinen Lebenserinnerungen:

"Mich zog das heitre und geistreiche Wesen des Kronprinzen (gemeint ist König Friedrich Wilhelm IV.) sehr an, obgleich von einem näheren Verhältnis damals noch nicht die Rede sein konnte."

Im folgenden Jahr 1825 trafen sie sich erneut, und zwar dieses Mal in der Messestadt Leipzig. Dazu berichtet wiederum König Johann in seinen Erinnerungen:

"Mein Verhältnis zum Kronprinzen wurde jedoch durch diese Zusammenkunft kein näheres, um so mehr, als ich damals noch in Rekonvaleszenz begriffen war und daher auch schon körperlich mit seinem raschen Wesen nicht recht fortkommen konnte."

Erst im Jahre 1827 traten Johann und Friedrich Wilhelm in Leipzig in engere persönlich-freundschaftliche Verbindung. Damals begann auch der bis 1857 reichende Briefwechsel, der interessante Einblicke in aktuelle Probleme dieses Zeitraumes, aber auch in persönliche und familiäre Angelegenheiten erlaubt.

Dagegen lernten sich König Johann und der spätere Kaiser Wilhelm l. schon im Sommer 1822 kennen, als Letzterer auf der Reise in den nordböhmischen Kur- und Badeort Teplitz einen Besuch im Lustschloß Pillnitz bei Dresden, der Sommerresidenz des sächsischen Königshauses, abstattete und dort mit König Friedrich August dem Gerechten von Sachsen zusammentraf. Dieses Treffen führte König Johann auf Wilhelms Liebe zu Elisa Radziwill zurück. Die ersten noch förmlichen Briefe wechselten Johann und Wilhelm bereits 1825. Zwei Jahre später schlossen sie in Berlin bei einem der mehrfach erwähnten Sextett-Soupers Brüderschaft, d. h. eine lebenslange Freundschaft. Mit Ausnahme der Jahre 1829 bis 1840 und 1842 bis 1853 liegt uns auf Grund der Forschungen des Prinzen Johann Georg von Sachsen, eines jüngeren Bruders von König Friedrich August III. von Sachsen - meines verehrten Großvaters - seit 1911 eine umfangreiche Dokumentation in Buchform vor. Eine Neuauflage dieses für die Geschichte des 19. Jahrhunderts, auch als Dokument einer bemerkenswerten Freundschaft zwischen den Häusern Wettin-Albertinische Linie und Hohenzollern, erscheint mir dringend erforderlich.

Im Rahmen unserer weiteren Ausführungen möchte ich Ihnen eine Auswahl von Briefen mit entsprechenden Erläuterungen zur Kenntnis bringen. So schreibt der damalige Prinz Johann von Sachsen am 22. Januar 1827 an seinen preußischen Schwager Friedrich Wilhelm folgende Zeilen aus Dresden:

"Liebster bester Dicki!
Ich beeile mich Dir und der Lise die Nachricht der vollkommen glücklich erfolgten Niederkunft meiner Frau mit einer Tochter zu geben. Macht, daß ihr herkommt.
Euer treuer Hansy."

Mit "Lise" ist die preußische Kronprinzessin Elisabeth, die Gemahlin des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen gemeint. Der erbetene Besuch in Dresden als Folge der Geburt von Prinz Johanns Tochter, Prinzessin Maria von Sachsen, fand nicht statt. Im folgenden Brief vom 1. Juni 1827 ging Kronprinz Friedrich Wilhelm auf den Tod von König Friedrich August dem Gerechten von Sachsen und den Besuch mit dem geplanten Zusammentreffen der Freunde in Leipzig ein. Wie wir den Lebenserinnerungen des Königs Johann von Sachsen entnehmen können, begann mit diesem Aufenthalt vom 19. bis 26. April 1827 "die Freundschaft mit dem Kronprinzen von Preußen, die zu den schönsten Blüthen meines Lebens gehören sollte."

Bemerkenswert für die politische Lage dieses Zeitraumes ist ein Brief des Prinzen Johann an seinen Freund Kronprinz Friedrich Wilhelm. In diesem Schreiben vom 26. November 1829 teilt er mit, daß er durch den französischen Gesandten in Dresden davon informiert wurde, er sei als Kandidat für den griechischen Königsthron vorgesehen. Mit Rücksicht auf die Erbfolge in Sachsen habe er aber abgelehnt. Bekanntlich wurde dann der Sohn von König Ludwig l. von Bayern, Prinz Otto, zum ersten unabhängigen König der Hellenen gewählt. Dennoch ist bedingt durch diese Kandidaturfrage unser Brief ein wichtiges Dokument auch für die deutsch-griechischen Beziehungen. Doch hören wir, was Prinz Johann von Sachsen zu berichten weiß:

"Liebster alter dicker Freund!
Ich benutze die Abreise eines Herrn von Mortuo nach Berlin, um dir auf deinen Brief durch Frau v. Eckold zu antworten und dir von etwas zu schreiben, daß ich der Discretion der Posten nicht anvertrauen wollte. Was pro primo Frau von Eckold betrifft, so hoffe ich wird es mir gelingen ihren Sohn in die Militäracademie zu bringen, welche allerdings keine so feine Erziehung gewährt als das Cadettencorps, aber wissenschaftlich desto tüchtiger bildet; und wo er eher Aussicht hat in eine Freistelle zu rücken. Die arme Frau hat mich warhaft gedauert; sie sieht so gut und so unglücklich aus.
Nun aber zu meinem Geheimniß. - Denke dir, daß, als ich vorgestern Abends zum König komme, mir derselbe eröffnet, daß er durch den Französischen Gesandten den Antrag erhalten habe mich zum Fürsten von Griechenland unabhängich von der Pforte zu machen. Ich war wie aus den Wolken gefallen; denn ich hätte mir eher des Himmels Einfall als diesen Einfall Carl des Xten vermuthet. Ob ich nun gleich im Anfang fühlte, daß ich den Antrag würde von der Hand weisen müßen, so habe ich mich doch erst gestern Abends zu einer bestimmt abschlägichen Antwort entschließen können. Wenn ich in einer so wichtigen Sache meinen Neigungen mehr Gehör als meiner Vernunft hätte schenken wollen, so glaube ich, hätten die Einflüsterungen des Ehrgeitzes und der Eitelkeit über die Besorgniß wegen des ungewissen Schicksals, über die Aussicht allen Lebensgenüßen entsagen zu müßen u. a. m. den Sieg davon getragen. Aber meine Vernunft sagte mir einerseits, daß ich mich selbst vor allem meinem Vaterlande und den Meinigen schuldig sey; daß ich meinen Bruder, der dann ganz allein stehen würde, bei seinem ohnehin wenig mittheilenden Character ganz ohne Freund auf dem Trohn einst lassen würde; daß ich endlich weder physisch und moralisch der schweren Rolle gewachsen sey, indem weder meine Gesundheit große Beschwerden aushalten könne, noch mein an das weiche Element des in der alten Bahn ruhig hinfließenden (und zuweilen stillstehenden) Sachsens gewöhnter Geist das unruhige Treiben eines neugeschaffenen und von Stürmen durchwühlten Landes zu beschwichtigen fähig sey. Somit fiel auch der einzige vernünftige Grund zur Annahme hinweg, der Wunsch Gutes zu stiften, wozu man vor allen Dingen seiner Rolle gewachsen seyn muß. Indeßen kann ich nicht läugnen, daß mir das Nein gekostet hat. Den ganzen gestrigen Tag habe ich in einer Art von Fieberbewegung zugebracht, zwischen der unwillkührlich die Phantasie sich in glänzenden Träumen wiegte. Derselbe Herr von Mortuo, der dir den Brief bringt, hat die Depesche hirher gebracht. Da übrigens diese Mittheilung blos une communication confidentielle et amicale war, so brauche ich dir nicht zu sagen, daß ich dir dieses alles unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mittheile und dich, liebster Dicki, vor allem bitte dem Kronprinzen von Preußen nichts davon zu sagen. Wenn du einmal Gelegenheit hast, so schreibe mir dein Urtheil: ich bin überzeugt, du giebst mir Recht. Leider nimmt mir dein letzter Brief die Hoffnung dich vor jetzt hier zu sehn; sollte es aber nicht zum Frühling möglich seyn, da dann doch die Abwesenheit deiner Brüder längst verschmerzt seyn wird? Dein liebes Gebot: du mußt mit deinem Bruder kommen, daß ich so gern befolgte, wird mich doch wohl ungehorsam finden, da mein Vater uns so gebeten hat, ihn nicht beide zu verlassen, während meine Schwester abwesend ist. Denke doch daran, ob es nicht möglich wäre; ich sehne mich so nach dir -! bitte bitte denke daran. Dein Postcriptum enthält eine prächtige und zugleich schauderhafte Erinnerung an den Dom von Mailand. Der Santissimo Rosario! nein ich kann noch ohne Schauer nicht daran denken. Lebe wohl, liebster bester. Es war mir so ein Bedürfniß mich gegen dich über diese Angelegenheit auszusprechen. Denke dir, man nennt Genee (?) unter den Competenten. Ich bitte dich, hindere das, sonst mache ich mir Vorwürfe; denn dann haben wir in Napoli einen zweiten Sultan, wenigstens was das Serail betrifft. Denke an die 333 Kinder!
Dein treuer Freund
Johann Exkönig von Griechenland.
Lisi viel Schönes, so wie deinen Brüdern."
zum Großbild
König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen

Leider ist nicht klar, wie Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen zu dieser griechischen Kandidaturfrage stand. Es darf aber angenommen werden, daß er auf Grund der engen Freundschaft mit Prinz Johann von Sachsen dieser Ablehnung mit Verständnis begegnete.

Besonders freudig reagierte Friedrich Wilhelm in einem Schreiben vom 10. Februar 1830 auf die Erlaubnis seines Vaters, Dresden besuchen zu dürfen. Er äußerte sich dazu wie folgt:

"10. Febr.

O! Hansy! Hansy!!! Denk Dir unser Glück! wir haben die Erlaubniß Euch zu besuchen. Erst heut Mittag nach einem großen Fraß, welcher den Meiningenschen Herrschaften zu Ehren gegeben wurde, bin ich davon benachrichtigt worden. Elise hat wie ein Kind in der Wiege geschrieen vor Wonne; aber das Nähere haben wir noch nicht verabreden können. Wenn es nach meinen Wünschen geht, so ziehen wir ab, sobald der alte Carnaval begraben ist, und ich freue mich dann auf gutes maigre bey Euch, nur keine Froschsuppe s'il Vous plait, aber recht viel Pflaumen (welche gleichsam negatif zum Fasten beytragen). Ich rechne dann entweder 6 oder 8 Tage im Schönen Dresden athmen zu können. Willst Du die Güte haben, bester John Bull, so unter der Hand des Königs Majestät auf den hohlen Zahn zu fühlen, ob unsre Ankunft ihm auch genehm ist, und vorläufig die Allerhöchste Genehmigung dazu erfragen? Wenn es möglich wäre uns so ganz als einen Wochen Besuch aufzunehmen -, das wäre herrlich -. Da könnte ich so recht, wie ich es wünschte, Euch genießen, Deines Bruders Bekanntschaft machen, mit Dir umhersteigen nach Herzens Lust. Die gute, alte, ehrliche Brühlische Terrasse wird zwar noch einigermaßen mechant seyn; aber wirkt die Sonne bei Euch so fort, wie sie hier seit 2 Tagen begonnen hat, dann wird man doch allenfalls schon Luft schnappen können da oben -. Ach! Hansy, ich bin wie dull vor Wonne und weiß nun nichts mehr zu sagen, als Auf Wiedersehen, Auf Wiedersehen!!!!!!!

Mit treuer Freundschaft, Geliebtester
Johannes Nepomucenus,
Dein ergebenster und treuster Schwager"

Auch Prinz Johann ist über diese Nachricht hoch erfreut, wie wir seinem Antwortbrief an Friedrich Wilhelm vom 12. Februar 1830 entnehmen können. Doch hören wir, was er seinem Freund nach Berlin schreibt:

"Dresden den 12. Februar 1830.

Liebster prächtiger Herzensdicki!
Ich schwimme in einem Strom von Wonne! Nein es (ist) zu herrlich. Also vielleicht in 14 Tagen sitzt ihr hier. Mir wirbelt ganz vor Seligkeit. Wenn heute mich die ohnehin nicht günstige von dir geschaffene Kalligraphische Muse verläßt, so ist es kein Wunder. Eben saß ich im tiefsten Pozzo, als ich deinen lieben herrlichen Brief bekam. Ich ließ gleich meinen todten Freund für den lebendigen im Stich und rannte wie ein angeschoßenes Reh zu Ameli, um ihr meine Freude mitzutheilen. Du kannst denken, wie selig sie war -! Nein diese Wonne! Mich mit (dir) wieder einmal so recht auszuplauschen und uns gegenseitig so angenehm zu montiren, Elise zu sehn, ihr die Kinder zu zeigen; und dich mit Fritz bekannt zu machen; dir vielleicht einmal meine kleine Gesellschaften zu zeigen -. Wenn du dich nur nicht bei uns ennuyir(s)t, weil es gerade eine Zeit ist, wo nicht viel anzufangen ist.
Dem König habe ich schon von eurer Ankunft gesprochen, und er wird sich sehr freuen auch zu sehn und alles nach euern Wünschen als Wochenbesuch einrichten. Wegen des Quartirs frage ich vorläufig etwas an - ob ich nemlich vermitteln soll, daß ihr in den Zimmern der Mamma wohnt. Sie sind zwar etwas beschränkt und bestehn nur aus 2 Zimmern und einem Cabinet und 2 Garderoben, doch ist es sehr nahe an uns, und Elise wird doch größtentheils bei Ameli seyn. Wenn ihr es also so wünscht, so will ich es vermitteln; sonst müßtet (ihr) dort wohnen, wo Marie und Luise wohnten, welches ein hüpsches, aber viel entfernteres Quartir ist. Habe die Güte mir bald deine Meinung zu wissen (sic!) und mir auch zu schreiben, wann, wo, was, wie pp., vorzüglich wen und wieviel Leute ihr mitbringt. Wirst du mir den Rochow bringen oder nicht? Was das Arabisch des Nimrod betrifft, so sage ich dir das betreffende mündlich (o Seeligkeit); desgleichen bitte ich dich meinen Brief mitzubringen, damit ich dir die schifrirte Stelle, deren ich mich selbst nicht mehr erinnere, dechiffriren möge. Papa und alle freuen sich sehr euch zu sehn. Ich bin heute so selig, daß ihr kommt, daß ich garnicht mit der kurzen Zeit unzufrieden bin; nun vielleicht verlängert sie sich noch ein wenig. Ich studire schon, was du hier noch sehn könntest, und es wird sich doch noch einiges finden. Leider daß auch in der Gegend noch nicht viel anzufangen ist. Lebe wohl, liebster bester theuerster, du kannst nicht denken, wie du mich glücklich gemacht hast.

Dein treuer Hansy
Ameli ist glückselig in der bloßen Erwartung und tätschelt deine Wangen mit besonderer Zärtlichkeit. Ich grüße Elise tausend Mal. Ihr guten lieben."

Wie bereits zu Beginn unserer Ausführungen erwähnt wurde, erwies sich der spätere sächsische König Johann als ein vorzüglicher Kenner der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Darauf bezieht sich auch der Anfang eines Briefes vom 11. April 1830, in dem sich Prinz Johann für das Zustandekommen einer deutschen Zolleinigung aussprach. Dabei erwähnte er auch den preußischen Finanzminister Friedrich Christian Adolph von Motz, der am 14. Februar 1828 den Zollvertrag zwischen dem Königreich Preußen und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt abschloß. Dieser Vertrag bildete dann den Ausgangspunkt für den am 1. Januar 1834 in Kraft getretenen "Deutschen Zoll-und Handelsverein" der unter der Führung Preußens stand. In dem oben genannten Briefausschnitt äußerte sich Prinz Johann von Sachsen wie folgt:

"Dresden den 11. April 1830.

Bester und dickster aller Freunde! Amelie würde sagen, daß dieser Brief wie ein salve (sic!) venia lavement von dannen gehe, da ich gestern erst den deinigen bekam und heute schon antworte; aber ich hatte schon lange Zeit hindurch die Absicht dir zu schreiben, und so ist mir dieß nun eine doppelte Aufforderung. Die Veranlaßung deines Briefes thuet mir zwar sehr leid; doch glaube ich, nach deinem Humor zu urtheilen kann es keineswegs besorglich seyn, und so freue ich mich denn über die Sache, ohne über die Ursache zu grüblen. Eigentlich sollte ich mit dir zürnen, daß du uns Financiers mit den Blutegeln auf eine Linie setzt; ich könnte freilich dir ein Paroli geben, wenn ich sagte, daß dieß besonders von Motz und seinen Zollbeamten gälte; bei meiner dir bekannten Geneigtheit aber sothane Blutegel an die Grenzen von Deutschland zu verlegen, will ich nicht über sie geschimpft haben."

In mehreren Briefen nahm König Johann wiederholt auch Stellung zu aktuellen politischen Problemen. So berichtete er beispielsweise am 27. September 1830 seinem Freund Kronprinz Friedrich Wilhelm über die Lage in Sachsen, das in diesem Jahr auch von revolutionären Unruhen als Folge der französischen Juli-Revolution von 1830 heimgesucht wurde. Bei dieser Gelegenheit kam der Wettiner auch auf die Einberufung der Stände und die Rolle der Communalgarden zu sprechen. Dazu äußerte er sich in dem bereits erwähnten Brief vom 27. September 1830 wie folgt:

"Ich habe noch eine andere nicht ganz leichte Rolle überkommen; ich bin nemlich zum chef sämmtlicher Communalgarden des Landes ernannt worden und soll einer Comißion wegen deren künftiger Organisirung Vorsitzen. Auch hier wird es darauf ankommen das Institut so einzurichten, daß es Sicherheit gewährt, ohne eine gefährliche Waffe in den Händen der Demagogen zu seyn.
Noch einen Gegenstand muß ich berühren; du erschrickst vielleicht über den kurzen Termin zur Zusammenberufung der Stände. Ich gestehe, daß ich auch Anfangs dawider war aus Furcht vor Übereilung und der Würkung der gegenwärtigen Effervescenz; doch habe ich mich zuletzt überzeugt, daß es so besser sey, weil auf diese Art den Schreiern Vorwand und Zeit genommen wird die Gemüther zu bearbeiten."

Dieser intensive Briefverkehr der beiden Freunde führt auch zum Austausch wichtiger Gesetzesvorlagen und Gesetzestexte von einem Land in das andere und umgekehrt. So sandte Kronprinz Friedrich Wilhelm beispielsweise laut Brief vom 10. Dezember 1830 seinem Dresdner Freund Johann ein Exemplar der preußischen Städteordnung vom 17. März 1831. Auf diese Weise war es dem Prinzen möglich, wichtige Anregungen für die geplante sächsische Städteordnung vom 2. Februar 1832 zu erhalten.

Große Bedeutung besaß für das Königreich Sachsen als Voraussetzung für die weitere Industrialisierung der Bau von Eisenbahnen. Dabei nahm der spätere sächsische König Johann besonders darauf Bedacht, daß sein Land in die von Preußen und Österreich geplanten neuen Eisenbahnlinien einbezogen wurde, um auf diese Weise auch die wirtschaftliche Entwicklung zu sichern. So entstand im folgenden Brief vom 26. April 1843 der berechtigte Wunsch, das Königreich Sachsen in die seit 1840 geplante Eisenbahnverbindung mit Schlesien einzubeziehen. Dazu äußerte sich der Prinz Johann seinem preußischen Schwager Friedrich Wilhelm gegenüber wie folgt:

"Dresden den 26. April 1843.

Liebster Freund! Nach meinem enorm langen Stillschweigen eröffne ich heute unsere Correspondenz wieder und zwar in einer quasi-diplomatischen Railroad-Angelegenheit. Sintemal nemlich die Eisenbahnen eins der besten Mittel zu Bevestigung ächt Teutscher Gesinnung sind und alle Handelsstädte Teutschlands aus purem Patriotismus dieses Mittel echten Gemeinsinns in ihrer Nähe zu haben wünschen, auch die Städte der Oberlausitz in ächter durch Beckers Rheinlied gesteigerter Germanischer Gesinnung keinem anderen nachstehn wollen, soll ich dir beifolgend jenen Wunsch aussprechenden Ministeriellen Aufsatz zustecken. Jetzt ohne Scherz, man hat mich gebeten die in dem Aufsatz näher entwickelte Angelegenheit, welche dem Vernehmen nach jetzt zu baldiger Entscheidung vorliegt, deiner freundnachbarlichen Berücksichtigung zu empfehlen. Es handelt sich darum, ob die Eisenbahnverbindung zwischen Breslau und Leipzig mit gänzlicher Umgehung unsrer Oberlausitz und seiner (sic!) Gewerbreichen Städte längst unsrer Grenze hin durch ein beinahe gänzlich gewerbloses Land geführt werden soll. Du wirst begreifen, daß das eine Lebensfrage für jene Provinz ist, und ich sollte meinen, auch Görlitz könnte darüber nur bitter klagen. Technische Gründe können allein für jenen ändern Tract sprechen; daß diese aber auch auf dem Weg nach Dresden nicht unüberwindlich sind, haben, wie ich glaube, frühere Untersuchungen erwiesen. Ich bitte dich daher, nimm von der Sache genau Einsicht; eine solche Umschiffung würde uns sehr schmerzlich seyn.
Doch jetzt genug der Diplomatie. Werde ich diesen Sommer endlich dich zu sehn bekommen? Es ist jetzt eine wahre Ewigkeit, daß wir uns nicht sahn. Wir waren vorige Woche auf einige Tage in Jahnishausen, wo wir herrliches Frühlingswetter hatten. Jetzt sind wir im Garten und denken recht oft an die gute Elise. Ich schreibe dir aus demselben Zimmer, wo sie voriges Jahr haußte. Unser Landtag geht langsam seinem Ende entgegen. Doch glaube ich, er wird noch bis über Johanni dauern. Der Geist ist nicht grade schlecht, doch in mancher Hinsicht schwieriger als die letzten Male.
Lebe wohl, theuerster bester, grüße mir Lisi tausend mal und alle die deinen.

Dein treuer Hansy."

Beigelegt war diesem Brief die Stellungnahme der sächsischen Staatsregierung in Dresden zu diesem wichtigen Projekt. Dieser Wunsch Sachsens wurde durch den Staatsvertrag vom 24. Juli 1843 mit Preußen voll erfüllt. Dadurch erwies sich die Freundschaft zu Friedrich Wilhelm als eine wichtige Voraussetzung zur positiven Erledigung dieser für die Volkswirtschaft des Königreiches Sachsen so bedeutenden Frage.

Wesentlich ist für unseren Zusammenhang auch die Einstellung des späteren sächsischen Königs Johann zu den umwälzenden Ereignissen des Jahres 1848. Diese betrafen neben anderen deutschen Staaten auch das Königreich Sachsen und führten am 13. März zur Berufung einer liberal-orientierten Staatsregierung in Dresden unter Leitung des Plauener Advokaten Dr. Alexander Karl Heinrich Braun. Unter dem Eindruck dieser revolutionären Entwicklung äußerte sich Prinz Johann auch zu damit zusammenhängenden Problemen, wobei er König Friedrich Wilhelm IV. zu einem Entgegenkommen bat, um nicht das Beispiel Wiens weiter Schule werden zu lassen:

"(1848 Mitte März)

Liebster bester Freund! In der Angst meines Herzens schreibe ich dir noch einmal über das neuliche Thema, da ich höre, daß die Stimmung bei euch immer bedenklicher wird und das Wiener Beispiel gewiß ansteckend wirken wird. Ich bitte und beschwöre dich, und Fritz vereinigt seine Bitten mit den Meinen, treibe die Sache nicht auf die äußerste Spitze. Mislingt eine gewaltsame Unterdrückung, so ist das Schiksal aller Fürsten Deutschlands entschieden, und glaube mir, die öffentliche Meinung ist zu stark, als daß ihr auf die Länge mit blos mechanischen Mitteln entgegen zu arbeiten sey. Fritz hat sich entschloßen sein Ministerium zu ändern und eine namhafte Anzahl der vorhandenen Wünsche zu gewähren. Es ist also ohne Scandal und förmlichen Zwang abgegangen, und die Stimmung mindestens in Dresden ist jetzt ganz vortrefflich. Ahme so viel möglich unser Beispiel nach. Es ist der einzige Weg, der für Preußen und für ganz Deutschland zum Heile führt. Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand. Und was du thun willst, das thue ungesäumt. Es ist kein Tag, keine Stunde zu verlieren.

Dein treuer Freund
Johann.
Glaube mir, du spielst den Bösen einen argen Streich, wenn du meinem Rath Gehör giebst."

Ähnlich urteilte Prinz Johann von Sachsen in einem weiteren Brief an den Berliner Freund vom 1. April 1848.

Die Sorgen über die politische Lage begleiteten den weiteren Briefverkehr der Freunde, wobei das Jahr 1849 durch die Dresdner Mai-Revolution auch für die Zukunft Sachsens wichtig wurde. Für Preußen war dieses Jahr deswegen bedeutungsvoll, da König Friedrich Wilhelm IV. durch die am 28. März erfolgte Kaiserwahl durch das Frankfurter Parlament vor eine der wohl wesentlichsten Entscheidungen seiner Regierungszeit gestellt wurde. Dazu legte Prinz Johann dem Freund seine Gedanken zu diesem Problem wie folgt dar.

"Dresden den 30. März 1849.

Liebster Freund! Die gestern eingegan(g)ne Nachricht über die Frankfurther Kaiserwahl legt mir wie unwillkürlich die Feder in die Hand, um dir, bester Freund, deßen schwierige und doch so entscheidende Lage ich ganz fühle, mein Herz auszuschütten. Es kommt mir dabei nicht in den Sinn dir über das Materielle der zu faßenden Entscheidung meine Ansicht mittheilen zu wollen. Um dies mit Grund thun zu können, gehörte die Kenntniß einer Menge Verhältniße, die mir abgehn. Auch weiß ich nach deinen mir bekannten Gesinnungen, daß deine Entschliessung gewiß im Gefühl deiner eignen Würde sowie der Würde deiner Mitfürsten und mit festem Hinblik auf das wahre Wohl des Teutschen Gesammtvaterlandes erfolgen wird. Mein Wunsch, den ich dabei nicht unterdrücken kann, geht nur dahin, daß es dir gelingen möge die Stellung, in welche das Schiksal dich gebracht hat, zu benutzen, um endlich diese Sache in feste Hand zu nehmen und auch die übrigen Teutschen Regierungen zu einem einmüthigen Auftreten zu bewegen, daß deine Antwort so bestimmt und entfernt von allem Diplomatischen Rückhalt lauten möge, daß die Freunde der Ordnung sich fest um sie scharen können und die billigen Wünsche des Teutschen Volkes in ihm die Aussicht auf eine angemeßne Lösung der großen Frage mit Zuversicht und in möglichst kurzer Frist finden mögen. Das walte Gott! und dazu gebe er dir seine Erleuchtung! Möge doch bald dieser traurige gesetzlose Zustand ein Ende finden! Noch kann ich diese Zeilen nicht schließen, ohne dir herzlich zu denken für die viele Liebe, die du meinem Albert bei seiner Anwesenheit in Berlin erwiesen hast.
Dein treuer Hansy."

In der weiteren Folge stehen immer wieder Probleme im Zusammenhang mit dem grundlegenden Verhältnis der deutschen Fürstenhäuser zur Frankfurter Nationalversammlung im Mittelpunkt des gegenseitigen Briefverkehrs. Bezeichnend dafür ist wohl ein Brief vom 12. April 1849, in dem sich Prinz Johann gemeinsam mit seinem älteren Bruder König Friedrich August II. von Sachsen, dessen Schreiben als Anlage beigefügt ist, wie folgt äußerte:

"Dresden den 12. April 1849.

Liebster Freund! Ich habe deinen Brief sofort an Fritz gelangen laßen und sende dir beifolgend seine Antwort durch den rückkehrenden Harder. Leider fürchte ich aber, sie wird dich nicht sehr befriedigen, und ich selbst muß bekennen, daß, so sehr im ersten Moment deine Idee mich ansprach, so sehr ich das dringend wünschenswerthe einer kräftigen Leitung in diesem Augenblick einsehe, so wenig konnte ich doch die entgegenstehenden Bedenken, die in Fritz Brief näher auseinandergesetzt sind, für den Augenblick verkennen; ich mußte sie vielmehr für überwiegend achten. Mein Wunsch geht nur auf ein baldiges Zusammentreten, um über die Verfaßungsfragen sich gemeinschaftlich zu faßen und überhaupt alle Entschlüße rasch und mit der mindesten Zögerung faßen zu können. Fritz thut gewiß alles, was er kann, um in Ollmütz die Teutsche Frage auf den richtigen Gesichtspunct zu stellen. Daß ich dort nichts thun kann, wirst du leicht begreifen. Im Ganzen muß ich gestehn, daß ich in jener Sache nicht rosenfarben sehe. Ein Zustandekommen durch Übereinkunft zwischen den Fürsten und Frankfurth halte ich nach den letzten Vorgängen für unmöglich. Es bleibt daher nur die Alternative, daß entweder die Fürsten die Segel streichen, was freilich ihrem Ansehn sehr schaden würde, oder daß sie mit Frankfurth brechen, wenn alles verhandeln als vergeblich sich zeigt oder von dort mit weitern revolutionären Schritten vorgegangen wird, wo dann im glücklichsten Fall nicht ohne schweren Kampf, bei dem ein großer Theil des Teutschen Volkes auf feindlicher Seite stehn wird, nur eine octroyirte Verfaßung zu Stande kommt, die immer einen Keim des Misvergnügens mit sich führen wird. Gott segne dich und deinen trefflichen Willen und gebe uns einen Ausweg aus diesem Labyrinth.
Dein treuer Hansy."

Bedauerlicherweise ist über die gegenseitige Beurteilung der Dresdner Mai-Revolution 1848 keine briefliche Äußerung der Freunde erhalten, obwohl preußische Truppen die Ordnung in Dresden gemeinsam mit sächsischen Einheiten wieder herstellten. Man darf annehmen, daß bei Friedrich Wilhelm und Johann über dieses Einschreiten der Preußen Einvernehmen herrschte. Auch nach dem Ende der Revolution 1848/49 beherrschten damit zusammenhängende Probleme besonders über die Zukunft Deutschlands insgesamt den Briefverkehr der beiden Freunde. Interessant ist in diesem Zusammenhang besonders der Brief des Prinzen Johann vom 23. Oktober 1850 an Friedrich Wilhelm, in dem er unter dem Eindruck des Ausbruchs eines möglichen Bruderkrieges zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen sich zu folgendem Mahnschreiben entschloß:

"Dresden den 23. October 1850.

Liebster Freund! In diesen Tagen, wo der Politische Horizont sich immer mehr umzieht und den nahen Ausbruch eines Gewitters befürchten läßt, fühlte ich oft einen inneren Drang dir mein Herz auszuschütten und noch einmal die schwerste Freundespflicht zu erfüllen, ehe es zu spät sey; immer aber hielt mich der Gedanke zurück, daß du schon zu weit gegangen seyst, als daß mein schwaches Wort irgend einen Einfluß auf dich haben könnte. Da stieß ich gestern ganz von Ohngefähr, als eben dieser Gedanke mich quälte, auf folgende Bibelstelle: .Recordare mei, Domine, omni potentatui dominans, et da sermonem rectum in os meum, ut placeant verba mea in conspectu principis' Esther c. 14.
In diesen Worten, die gewiß nicht passender auf meine Stimmung gefunden werden konnten, glaubte ich einen Wink des Himmels zu erkennen, und zugleich gaben sie mir Muth meinem ersten Gedanken zu folgen. Ich thue dieses daher durch folgende Zeilen, die, sie mögen nun bei dir Eingang finden oder nicht, doch gewiß von dir als aus treuem Freundesherzen kommend erkannt werden dürften.
Lieber die Staatsrechtliche Seite der Frage habe ich mich schon in meinem letzten Brief ausgesprochen. Ich will sie daher nicht näher erörtern und nur so viel in Betreff derselben bemerken, daß ich den von Oestreich und seinen Bundesgenoßen eingeschlagnen Weg für den correcteren, ja eigentlich für den einzig correcten halte. Er beruht ganz auf derselben Basis, auf der die Reaction gegen den Unsinn von 1848 bei uns und gewisser Maaßen auch bei euch und in Wien beruht; daß wenn ein Provisorium, das zur Anbahnung eines Definitivums bestimmt war, durch Nichterreichung dieses Zweckes oder sonst sich erledigt, dann das frühere Verhältniß wieder Geltung hat, indem weder ein Staat noch ein Staatenbund ohne Organ gedacht werden kann. Doch genug hiervon. Was ich hauptsächlich darzulegen wünsche, ist, daß der von Preußen gegenwärtig eingeschlagene Weg für Preußen selbst wie für Deutschland gleich verderblich ist.
Preussen wird nemlich dadurch genöthigt in Deutschland mehr oder weniger eine Allianz mit der Revolution einzugehn. Zwar vor der Hand nicht mit jener Faustdemocratie, die es in Dresden und Baden bekämpft hat, aber doch mit jener unseligen Gothaner Partey, welche ihre Unfähigkeit im Jahre 1848 so deutlich an den Tag gelegt hat und sich von der Revolution ans Schleppthau nehmen ließ und stets wieder nehmen laßen wird. Diese Allianz wird Preussen par la force des choses immer mehr nach links drängen. Schon zeigen sich Spuren dieses Ganges in der unglüklichen Heßischen Sache. Ich bin weit entfernt die Persönlichkeiten Hassenpflugs und seines Churfürsten unbedingt in Schutz nehmen zu wollen. So viel scheint mir aber gewiß, daß sie am Ende zur Zeit nicht mehr gethan haben als alle Gouvernements, die sich aus den Banden der Revolution losreißen wollen, und daß die dortige Beamten- und Offiziers-Revolution ein Vorgang der allergefährlichsten Art ist. Und doch hat die - wie ich einräume, durch den einmal eingeschlagenen Weg fast bedingte - Stellung Preussens in dieser Sache derselben eine bedeutende moralische Unterstützung gewährt. Das Aehnliche wird sich in vielen Fällen wiederhohlen. Aber auch außerhalb Deutschlands wird für Preussen die Stellung keine günstige seyn. Ich glaube nicht, daß entweder das Revolutionsmüde Frankreich oder das Constitutionsfeindliche Rusland auf seiner Seite stehn wird. Nur von jenem Cabinet, in dem Lord Palmerston, der Groshändler in Revolutionen, das Scepter führt, kann es allen Falls auf Unterstützung hoffen. Ein neuer 7jähriger Krieg - den Gott verhüthe - wird zwar Preussen tapfer finden wie immer; ob aber der gleiche Erfolg ihn krönen dürfte, bleibt doch dahin gestellt; denn es ist auch bei Preussens Gegnern vieles anders als damals. Für Deutschland halte ich aber Preussens Politik für verderblich; es mag nun zu einem offnen Kampfe kommen oder nicht. In letzterem Falle muß es entweder zu einer Trennung Deutschlands in zwey Hälften oder zu einer endlichen Vereinigung und Neugestaltung des Ganzen führen. Das Ersteres äusserst beklagenswerth seyn würde, darüber wird kein Deutsches Herz, am wenigsten das Deinige, im Zweifel seyn. Soll es aber zu einer Neugestaltung Deutschlands kommen, so ist zu wünschen, daß Preussen dabei eine Stimme habe und die Richtung vertrete, welche den billigen Anforderungen des Deutschen Nazionalsinns gerecht werden will. Das kann es aber nicht, wenn es jetzt boudirt, sich fern hält und Oesterreich das Feld überlaßt und endlich doch, wenn es keine Trennung will, sich dem anschliessen muß, was ihm geboten wird.
Gern möchte ich von der anderen Alternative eines offnen Kampfes schweigen. Es graut mir vor diesem Gedanken -. Ich sprach vorher von einem neuen 7jährigen Krieg. Ich fürchte jedoch vielmehr, daß uns ein neuer Dreyßigjähriger Krieg bevorsteht, wenn einmal der erste Kanonenschuß gelöst ist; denn jeden Falls werden die Populären Leidenschaften mit ins Spiel kommen. Die Möglichkeit, ja die nahe Wahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs, wenn Preussen auf seiner Politik beharrt, ist leider nicht abzuläugnen.
So sehe ich denn überall nichts als Unheil auf diesem Wege und nur ein Mittel der Rettung für uns alle: offner entschiedner Systemwechsel Seiten Preussens.
Aber Preussens Ehre! Aber die Ehre seines Königes! Darauf entgegne ich, wenn Preussen entschieden Geneigtheit zeigt seinen Weg aufzugeben, so wird man ihm - ich hoffe es - goldne Brücken bauen. Aber auch abgesehn hiervon, kann es Preussens Ehre seyn einen Brudermörderischen Kampf zu veranlaßen? Kann es Preussens Ehre seyn mit der Revolution, wenn auch nur mit der zahmen, in Bund zu treten? Und wenn hunderte, wenn tausende seinen König der Inconsequenz beschuldigen, hunderttausende werden ihm als dem Retter Deutschlands von Herzen danken, und sein eignes Gefühl wird ihm sagen, daß es besser ist von einer verderblichen Bahn umzukehren als sich und andere durch verharren auf derselben ins Verderben zu stürzen!!
Dein treier Freund Johann,
der dir dann auch treu bleiben wird,
wenn du uns Kanonenkugeln zuschikst.
P.S. Ich fühle ganz, was ich gewagt habe, indem ich dieses schrieb. Ich fühle ins Besondere, wie schwer es ist den richtigen Moment zur Schwenkung zu finden; und das hierbei auch der Ehrenpunkt mit ins Auge zu fassen ist, soweit höhere Anforderungen dieses gestatten. Aber Eins scheint mir gewiß, einmal muß jene Schwenkung geschehn; und je später sie geschieht, je größer werden die Verwikelungen, je mehr verliert Preussen an Einfluß bei dem Teutschen Verfaßungswerk; je größer und drohender wird die Gefahr eines gewaltsamen Zusammenstoßes. Bis dat qui cito dat."

In Fortführung dieser weltpolitisch so wichtigen Fragen setzte sich Prinz Johann von Sachsen für ein bedingungsloses Zusammenhalten zwischen Österreich, Preußen und den übrigen deutschen Staaten ein, um die Zukunftsfragen einvernehmlich zu lösen. In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem auf den Brief vom 18. März 1854 hinweisen.

In Erinnerung an ähnliche Schreiben früherer Jahre setzte sich der Wettiner am 27. Juni 1854 unter Wahrung der lebensnotwendigen Wirtschaftsinteressen Sachsens für die Planung der Eisenbahnlinie Berlin - Prag - Wien über Zittau und Löbau ein. Auch in dieser Beziehung erreichte er die Zustimmung der preußischen Stellen durch Führung dieser Eisenbahnlinie durch die genannten Gebiete der sächsischen Oberlausitz. So konnte seine Freundschaft mit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zugunsten profunder wirtschaftlicher Interessen Sachsens nutzbar gemacht werden. In ähnlicher Weise setzte sich Prinz Johann wiederum erfolgreich bei den Verhandlungen über Eisenbahnthemen zwischen Preußen und Bayern für sein Land ein.

Den ersten Brief nach der Thronbesteigung König Johanns erhielt dieser von seinem Freund König Friedrich Wilhelm IV. am 11. August 1854. Das war kurz nach dem Unglücksfall von Brennbichl und dem am 9. August 1854 erfolgten Tod von Johanns älterem Bruder, König Friedrich August II. von Sachsen. Interessant ist die Tatsache, daß König Johann sich erneut in einer Eisenbahnfrage an seinen Berliner Freund wandte. Dabei ging es um die Anbindung der Oberlausitzer Städte Löbau und Zittau an die Eisenbahnroute von Berlin über Cottbus nach Böhmen und weiter nach Wien. Damit erwies sich der sächsische König Johann erneut als Wahrer der wirtschaftlichen Interessen des Königreiches Sachsen (Brief v. 22. Dezember 1854). Von besonderer Bedeutung auch für unser heutiges Verhältnis zum Osten ist der Neujahrsbrief 1855 von König Friedrich Wilhelm IV. an seinen Dresdner Freund. Bedeutungsvoll ist, daß Friedrich Wilhelm sich nicht in eine kriegerische Auseinandersetzung mit Rußland wegen der österreichischen Balkanpolitik hineinziehen lassen wollte. Doch hören wir, was der König von Preußen an seinen Dresdner Freund und Amtskollegen Johann schrieb:

"Potsdam 1. Januar 1855.

Geliebtester Freund!
Ich sage Dir aus der Tiefe meiner Seele die wahrsten und lebendigsten Heil-, Seegens- und Glückwünsche zum neuen Jahr! Nimm sie gütig auf, Herzens Hansy! und zürne mir nicht, wenn ein politisches Schwänzchen daran hängt. Deinem auswärtigen Minister sind aus Wien die Zumuthungen sofortiger Mobilmachung der Hälfte der teutschen Streitkräfte ,zum Zweck einer kräftigen Offensive gegen Russland' ohne Zweifel zugekommen. Dasselbe ist mir zugegangen, und ich habe geantwortet: Das Wort 'Offensive gegen Russland' bräche den Vertrag und den Defensif-Zusatz-Artikel zum Vertrag vom 20. April. Übrigens zöge Preussen sich solange völlig zurück, als seine unzweiffelhaft berechtigte Stellung als Mitglied der Friedens Unterhandlungen (mit Russland) in Wien bezweiffelt würde. Östereich will Preussen nemlich nicht zu lassen, bis es der Tripple Alliance nicht beigetreten ist!! -! Das thu ich nicht -! -! -! Das thu ich aber nicht. Ich werde darum nicht den Krieg an Östreich erklären. Was ich aber als Europäische Macht abgeschlossen, bindet mich nur so lange, als Preussens Stellung, Kraft der es verhandelt hat, mit allen Consequenzen anerkannt wird. Mein fester Entschluß ist nicht über den Wortlaut des Vertrags vom 20. April nebst Zusatz Artikeln hinauszugehen. Ich bin fest überzeugt, daß wir Großes thun können, wenn Sachsen, Bayern, Württemberg und Hannover nebst beyden Mecklenburgs (die uns ganz sicher sind) Preussen bey diesem Ausspruch helfen mit dem Gleichen Ausspruch. Auf dem Bundestag werd' ich die meiner Überzeugung völlig entsprechende Behauptung aufstellen, daß zum Beytritt Teutschlands zur Tripple Alliance (deren Zweck zum Kriege offen ausgesprochen ist) die Unanimität erforderlich sey. Willst Du dasselbe thun? Wie die Sachen stehen d. h. nach dem unerhörten Betrug vom 2. Dec., nach der Verweigerung von Preussens Theilnahme an den Friedens Unterhandlungen und endlich nach den frechen Bewaffnungs Zumuthungen an uns Alle ist mir an der Einheit Preussens und Ostreichs am grünen Tisch des Taxis'schen Palastes gar nichts mehr gelegen. Ich wenigstens lasse mich nicht von einem geschickten Jäger im Netz fangen und als Beute behandeln, so lange ich noch die Gleichberechtigung mit dem Jäger gelten lassen kann, die uns Allen zu gleichem Maaße zusteht, nemlich die, sogut, wie der Jäger selbst, auch ein Bißchen Mensch zu seyn. Zum Schluß umarme ich Dich, Geliebter Freund, und lege mich den Majestäten, der geliebten Amelie und Marie, mit meinen brennendsten Neujahrs Wünschen zu fußen und küsse Alle Lieben zu Dresden. Den royales vierges küss ich Hand' und Füße und bitte Dich um die Fortdauer Deiner belebenden Freundschaft, Geliebter Hansy, als
Dein
treuer Freund und Bruder Dieky
F. W. R
Potsdam 1. Januar 1855,
das Gott mit Frieden seegnen wolle!"

In einem Antwortbrief vom 7. Januar 1855 ging König Johann ausführlich auf diese so wichtige Problematik ein und zog dann folgendes Resume:

"En resume geht meine Ansicht dahin, daß Du dann, aber auch nur dann die Aussicht hast, daß die wichtigeren deutschen Höfe und wir in Gemeinschaft mit ihnen den von mir angedeuteten Weg einschlagen, wenn du jetzt entschieden auf demselben vorausgehst; indem es mir der lezte Moment scheint, wo Preußen durch Ergreifen einer selbstständigen Politik uns vor einer nothgedrungnen Verwickelung in den Krieg gegen Rußland bewahren kann. Es muß aber ein solcher Schritt auf ein bestimmtes politisches Ziel gerichtet seyn und nicht blos durch die, wenn auch gewiß wohlbegründete, Empfindlichkeit gegen Oesterreich eingegeben erscheinen.
Sehr dankbar bin ich Dir übrigens, daß Du, unsrer Ansicht entsprechend, die Rechte des Bundes bey den Verhandlungen gehört zu werden, geltend machen willst. (Ich) verspreche mir zwar für den Augenblick keinen großen Erfolg, doch ist es gut das Princip zu wahren.
Verzeihe, liebster Freund, diese lange Epistel. Da du mich aber aufgefordert hast meine Meinung zu sagen, so musste ich sie gründlich und mit aller Freimüthigkeit abgeben; denn da,s ist die erste Freundespflicht. Gott sey mit dir und mit uns allen!
Dein treuer Hansy.
Viel Schönes an Lisi. Alle die Meinigen sont a vos pieds."
zum Großbild
Kaiser Wilhelm I.

Mit Datum vom 20. Juni 1856 schließt dieser quellenmäßig so wichtige Briefverkehr zwischen den beiden Königen ab. Da König Friedrich Wilhelm IV. kurz darauf schwer erkrankte, mußte sein jüngerer Bruder Wilhelm zunächst als Prinzregent, dann als preußischer König und schließlich 1871 als deutscher Kaiser die Regierung übernehmen. Damit wurde auch der Briefverkehr mit König Johann intensiver. Bei den meisten Schreiben handelte es sich inhaltlich um politische und militärische Fragen, wobei besonders Probleme der Außen- und Deutschlandpolitik einen breiten Raum einnahmen. Von Fall zu Fall wurden zusätzlich wirtschaftspolitische Tagesfragen angeschnitten. Bezeichnend dafür ist beispielsweise ein Brief vom 17. März 1859, in dem Prinzregent Wilhelm auf Grund einer Anfrage von König Johann sich um eine tragbare finanzielle Regelung kaufmännischer Geschäfte zwischen Leipzig und Berlin einsetzte.

Eine der wichtigsten Missionen der Regierungszeit von König Johann von Sachsen war der Besuch bei König Wilhelm von Preußen im Auftrag der übrigen deutschen Fürsten in Baden-Baden, wo letzterer damals zur Kur weilte. Im Nachgang dazu ist auch der ausführliche Brief König Johanns an Wilhelm zu verstehen. In diesem längeren Schreiben ging es ausführlich um die Reform des Deutschen Bundes und die Frage der künftigen Vorherrschaft in Deutschland. Dazu schrieb König Johann im September 1863 an seinen Freund König Wilhelm von Preußen:

"(Sept. 1863)

Liebster Freund!
Eingedenk der freundlichen Art, wie du meine Worte bei meiner delicaten Mission nach Baden aufgenommen hast, nahe ich mich dir heute noch einmal, um die offiziellen Anträge, die an dich gelangt seyn werden, mit einigen vertraulichen, wahrhaft treu gemeinten Worten zu unterstützen und dich recht dringend zu bitten, unser erneutes Ersuchen, über (?) die Teutsche Reform ohne vorhergehende principielle Verclausulierung einzugehen, nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.
Ich abstrahire zunächst von aller Erörterung über das vorhergegangene Verfahren. Es mag in der Form manches geschehen seyn, was dich verletzen konnte, aber, wenn (du) aufrichtig seyn willst, wirst du gestehen müssen, daß auch unserer Seits eine kleine Gegenrechnung möglich ist. Es ist daher gewiß besser, über das vergangene einen Schleyer zu ziehen und die Sache rein objektiv zu betrachten. Da glaube ich nun, daß, wenn es gelänge nach den Grundideen, die zu Frankfurth gelegt worden sind, eine Bundesreform zu Stande zu bringen, das nicht nur für Deutschland, ja für ganz Europa ein unendlicher Gewinn seyn, sondern auch speziell für Preussen mit keinem Nachtheil, sondern mit entschiedenem Vortheil verbunden seyn würde. Freilich müsste dabei Preussen mit der in dortigen Kreisen langgehegten Idee einer Hegemonie über Kleinteutschland oder einer Trennung Teutschlands nach der Mainlinie in ein Preussisches und Oestreichisches Teutschland aufrichtig brechen; und sich auch nach Befinden nicht scheuen seine Meinung einem Bundesbeschluß unterzuordnen. Das halte ich aber eben für den grössten Vortheil. So lange nemlich ein Zusammenhalten Teutschlands nicht gesichert ist, so lange Oestreich ins Besondere Preussens Bestreben vielfach entgegen treten muß und daher auf seine Freundschaft nicht rechnen kann, wird auch dasselbe keine rein Teutsche Politik verfolgen, sondern wie es jetzt der Fall ist, eine Verbindung, sey es im Westen, sey es im Osten suchen. Bei einem solchen Zusammenhalten hingegen wird es aus der Westmächtlichen Allianz erlößt werden und Teutschland und mit ihm das erhaltende Princip in Europa so mächtig auftreten können, daß es vor niemand sich zu scheuen braucht und seine Stimme in keiner Europäischen Angelegenheit ungehört verhallen wird.
Und was verliert Preussen dabei? Seine oft genannte Politik der freien Hand! Ich gebe zu, daß, ohngeachtet Preussen auch nach der Reform seine Stellung als Europäische Grosmacht verbliebe, es in vielen Fällen seinen Einfluß nur durch das Mittel Teutschlands würde ausüben können. Aber dieser Einfluß selbst würde ein viel bedeutenderer seyn, als es jetzt ist, und Preussens Antheil an den Angelegenheiten Teutschlands in den Entschlüssen des Bundes würde dem der andren Teutschen Grosmacht gleich, ja in gewisser Rücksicht ein überragender seyn. Es könnte ziemlich gewiß seyn, daß sie die Majorität für sich haben würde, wenn sie im Interesse der Sicherheit Teutschlands einen Antrag stellte; dagegen glaube ich, daß, wenn Oestreich Teutschland zu einem ihm fern liegenden Zweck misbrauchen wollte und Preussen sich dem entgegensetzte, es auf die Zustimmung der übrigen Bundesglieder rechnen könnte; besonders wenn man bedenkt, daß es nur des Hinzutritts von 4 Stimmen bedarf, um eine Verwicklung Teutschlands in einen Krieg zu verhindern. Dabei würde, wenn Preussen eine solche föderative Stellung einnähme, das Mistrauen sofort schwinden, das jetzt, wie ich gar nicht läugnen will, vorhanden ist, und alle die natürlichen Vortheile, die dasselbe als eine Teutsche Macht als Protestantischer Staat und vermöge der vielfachen Verbindungen mit den Klein- und Mittelstaaten Nordteutschlands naturgemäß genießt, würden in den Vordergrund treten, um seinen Einfluß zu vermehren. Übrigens würde sich ja an dem Frankfurther Werk bei einer Verhandlung noch manches nach euern Wünschen ändern und verbessern lassen, und du kannst versichert seyn, daß wir alle dazu gern die Hand bieten würden. Ist man nur einmal in einer Berathung vereinigt, so lassen sich mehr Auswege finden, wie sich ja schon jetzt bei den Zoll- und Handelsfragen zu zeigen scheint. Auch sind ja in der That die meisten Aenderungen, die wir an den Entwürfen der Reformacte vorgenommen haben, im Preussischen Interesse. So die veränderte Zusammensetzung des Directoriums, die den kleinen Staaten, den natürlichen Bundesgenossen Preussens, mehr Einfluß gewährt, die Bestimmung wegen 2/3 Majorität bei Kriegsfragen und der Unanimität bei Erweiterung der Bundescompetenz.
Somit habe ich das wichtigste gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Ich fühle ganz das Schwierige deiner Lage und daß es dir vielleicht für den Augenblick nicht möglich ist auf unsern Vorschlag spezieller Verhandlungen sofort einzugehen; aber dringend bitte ich dich nur uns nicht schroff und entschieden zurück zu weisen, sondern einen Ausweg offen zu lassen, um die Negoziation fortzusetzen. Nichts wäre trauriger, als wenn gerade jetzt, wo den Ansprüchen des Auslandes gegenüber Einigkeit Noth thut, ein entschiedenes Auseinandergehen stattfände und jede Hoffnung einer kräftigen Vereinigung scheitern sollte.
Ich habe aus wahrer Ueberzeugung gesprochen. Ich hoffe, du wirst glauben, daß ich es ehrlich mit euch und mit Teutschland meine. Schenke meinen Gründen ein unbefangnes Erwägen. Sie sind Freundes Worte!"

Im weiteren Briefverkehr der Freunde finden wir immer wieder dieses Grundanliegen der Deutschlandpolitik, um es mit einem geläufigen modernen Schlagwort zu bezeichnen. Das gilt besonders für das Jahr 1864. Leider klafft für die Jahre 1865 und 1866 eine Lücke. Doch darf angenommen werden, daß auf Grund der allgemeinen politischen Grundlinie Sachsens seit 1815 König Johann die großdeutsche Linie Österreichs und der Mehrzahl der deutschen Mittelstaaten auch seinem preußischen Freund gegenüber vertrat.

Zum Abschluß unserer Ausführungen möchte ich noch zwei Briefe aus dem Jahre 1871 herausgreifen. Aus ihnen geht eindeutig hervor, daß König Johann von Sachsen auch dem neuen Deutschen Reich die gleiche Treue entgegenbrachte wie dem Deutschen Bund bis 1866 und dem Norddeutschen Bund von 1866 bis 1871. Doch hören wir uns zunächst den Brief vom 14. Januar 1871 an, den Kaiser Wilhelm l. von Versailles aus an König Johann von Sachsen sandte und diesem die Übernahme der Kaiserwürde anzeigte:

"(Versailles, 14. Januar 1871.)

 

Durchlauchtigster Großmächtigster Fürst,
freundlich lieber Vetter und Bruder!
Nachdem Euere Königliche Majestät in Gemeinschaft mit der Gesamtheit der Deutschen Fürsten und freien Städte die Aufforderung zur Herstellung der Deutschen Kaiserwürde Mir haben zugehen lassen, danke Ich Euerer Königlichen Majestät für diesen Beweis Ihres Vertrauens und halte es für eine, Mir gegen das gemeinsame Vaterland obliegende Pflicht, dem an Mich ergangenen Rufe Folge zu leisten.
Ich nehme die Deutsche Kaiserwürde an, nicht im Sinne der Machtansprüche, für deren Verwirklichung in den ruhmvollsten Zeiten unserer Geschichte die Macht Deutschlands zum Schaden seiner inneren Entwickelung eingesetzt wurde, sondern mit dem festen Vorsatze, - soweit Gott Gnade giebt - als Deutscher Fürst der treue Schirmherr aller Rechte zu sein und das Schwert Deutschlands zum Schütze derselben zu führen.
Deutschland, stark durch die Einheit seiner Fürsten und Stämme, hat seine Stellung im Rathe der Nationen wieder gewonnen und das Deutsche Volk hat weder das Bedürfnis noch die Neigung, über seine Grenzen hinaus etwas Anderes als den, auf gegenseitiger Achtung der Selbständigkeit und gemeinsamer Förderung der Wohlfahrt begründeten freundschaftlichen Verkehr der Völker zu erstreben. Sicher und befriedigt in sich selbst und in seiner eigenen Kraft wird das Deutsche Reich - wie Ich vertraue -, nach siegreicher Beendigung des Krieges, in welchen ein unberechtigter Angriff uns verwickelt hat, und nach Sicherstellung seiner Grenzen gegen Frankreich, ein Reich des Friedens und des Segens sein, in welchem das Deutsche Volk finden und genießen wird, was es seit Jahrhunderten gesucht und erstrebt. Mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung und wahren Freundschaft verbleibe Ich
Euerer Königlichen Majestät
freundwilliger Vetter und Bruder
Wilhelm.

Versailles, den 14. Januar 1871
An des Königs von Sachsen Majestät."
zum Großbild
König Johann

Die Antwort König Johanns vom 20. Januar 1871 wurde durch den außerordentlichen Gesandten Friedrich Christoph von Eichmann Kaiser Wilhelm l. in Versailles überreicht. Darin betonte der König die Anhänglichkeit und die Freundschaft zu Kaiser Wilhelm und wünschte dem neuen Reich eine glückliche Zukunft.

Der letzte Brief aus der Feder König Johanns an Kaiser Wilhelm l. mit Datum vom 19. März 1873 ist dem Glückwunsch zum Geburtstag des kaiserlichen Freundes gewidmet. Er wurde Kronprinz Albert, der den erkrankten Vater vertrat, in Berlin überreicht. Ein halbes Jahr später, am 29. Oktober 1873 starb König Johann von Sachsen im Schloß Pillnitz bei Dresden und liegt heute in der Gruft der Wettiner in der Krypta der katholischen Hofkirche zu Dresden.

Dieser Briefverkehr eines bedeutenden sächsischen Staatsmannes, hervorragenden Kenners der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie Förderers des Kunst-, Wissenschafts- und Kulturlebens mit seinen Amtskollegen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Kaiser Wilhelm l. ist in der Tat ein beachtliches historisches Dokument sächsisch-preußischer Beziehungen im besten Sinn des Wortes. Natürlich konnten wir im Rahmen unserer Ausführungen nur wenige Beispiele auswählen. Diese aber haben uns einen Einblick in Gedankengänge vermittelt, die uns modernen Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts gar nicht so fremd erscheinen. Sie beweisen uns zusätzlich, wie lehrreich es für unsere gegenwärtige Politik und Geschichtskenntnis sein könnte, wenn wir praktische Erfahrungen aus der Geschichte ziehen würden: Geschichte ist und soll eine Lehrmeisterin für uns alle sein.

 

 


Quellen- und Literaturverzeichnis:

Beckstein, Ludwig und Karl Theodor Gaedertz

300 Bildnisse und Lebensabrisse..., Leipzig o. J. (5. Aufl.)
Falkenstein, Johann Paul von

König Johann von Sachsen, ein Charakterbild, Dresden 1879
Kretzschmar, Hellmut (Hrsg.)

Lebenserinnerungen des Königs Johann über die Jahre 1801-1854, Göttingen 1958
Kretzschmar, Hellmut Die Zeit König Johanns von Sachsen 1854-1873, Berlin 1960

Pönicke, Herbert König Johann von Sachsen, in: Gedenktage des Mitteldeutschen Raumes 1973, Seite 112-114

Sachsen Herzog zu, Albert

Die Reform der sächsischen Gewerbegesetzgebung (1840-1861), Dissertation, München 1971
Sachsen Herzog zu, Albert

König Johann von Sachsen, in: Gedenktage des Mitteldeutschen Raumes 1976, Seite 151-153
Sachsen Herzog zu, Johann Georg (Hrsg.) Briefwechsel zwischen König Johann von Sachsen und den Königen Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm l. von Preußen, Leipzig 1911

Sachsen Herzog zu, Johann Georg (Hrsg.)

Briefwechsel König Johanns von Sachsen mit George Ticknor, Leipzig-Berlin 1920
Schwerdfeger, Otto König Johann von Sachsen als Vorkämpfer für Wahrheit und Recht - Reden und Sprüche aus 20 Jahren seines parlamentarischen Wirkens, Dresden 1884

 

Dieser Vortrag wurde von IKKH Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen und Elmira Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen im Hotel de Saxe zu Leipzig am 18. Oktober 2003 gehalten.

 

 
 

Alle Rechte vorbehalten!

© copyright Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen
Elmira Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen

 
     
 

Seitenanfang

zurück

Startseite - Albert Prinz von Sachsen