Seine Königliche Hoheit
Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen

König Johann von Sachsen und Bayern



 
 

 

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König Johann von Sachsen und Bayern

Am 12. Dezember 2001 waren es 200 Jahre, daß der spätere König Johann von Sachsen als dritter Sohn des Prinzen Maximilian und dessen Gemahlin Caroline von Bourbon-Parma in der Residenzstadt Dresden das Licht der Welt erblickte. Dieses Jubiläum wurde vom 3. Mai bis 28. Oktober 2001 durch eine sehenswerte Ausstellung in seinem Lieblingsschloß Weesenstein bei Pirna gebührend begleitet. Der zu dieser Ausstellung erschienene Katalog ist so verfaßt, daß er auch nach Beendigung dieser Schau noch ein wichtiges Nachschlagewerk zur Regierungszeit dieses wohl bedeutendsten Wettiners des 19. Jh. darstellt. In diesem Zusammenhang ist von Interesse, daß die Wettiner durch den Übertritt August des Starken zum katholischen Glauben 1697 in enge verwandtschaftliche Bindungen zu den katholischen Habsburgern in Österreich und den Wittelsbachern in Bayern traten. Dadurch wurde Sachsen kulturell gesehen mit dem katholischen Süden und Westen Europas eng verbunden. Die Wettiner empfingen von dort nicht nur kulturelle, sondern auch gesellschaftliche Impulse, die sich vor allem in der Einführung der barocken Kultur als bedeutsam erwiesen. So ist vor allem das barocke Dresden mit seinen weltberühmten Bauwerken - Zwinger, Frauenkirche und katholische Hofkirche - in diesem Zusammenhang zu deuten. Wer sich besonders mit der Geschichte des Dresdner Zwingers beschäftigt, wird die Bestätigung dafür finden.

Die Kontakte der Wettiner mit den Wittelsbachern

Wichtig wurde vor allem für die Beziehungen von Bayern die Tatsache, daß sich Johann von Sachsen im Herbst des Jahres 1822 mit Prinzessin Amalia Auguste von Bayern verheiratete. Diese war eine Tochter des bayerischen Königs Max I. Joseph (1756/1799 - 1825) und seiner zweiten Gemahlin Caroline von Baden. Die entsprechenden Feierlichkeiten fanden am 20. und 21. Nov. in München und Dresden statt. Interessant erscheint nun, was Johann selbst dazu in seinen Lebenserinnerungen zu berichten weiß:

"Der 20. November war zu der nach alter Hofsitte zu feiernden Prokurationstrauung in München bestimmt. Ich erhielt die Erlaubnis bis zum 2. Nachtlager (der in kleinen Tagesreisen von Plauen her einreisenden Braut), bis Chemnitz entgegenzugehen; ... begegnete dem Zuge schon einige Schritte jenseits der Chemnitz-Brücke. Meine Braut war in einem roten mit Pelz verbrämten Kleid gekleidet, das ihr sehr gut stand, und ich erhielt bei meinem Eintritt im Wagen den ersten Kuß.... Der folgende Tag, 21. November 1822, war zum Einzug in Dresden und zur eigentlichen Hochzeit bestimmt; es ist dieser Tag ein Familienfest, der Jahrtag des Rücktritts Friedrich August I. in die katholische Kirche und ward stets durch ein feierliches Hochamt gefeiert. Um 7 Uhr fand die Trauung in der Privatkapelle des Königs statt und zwar lateinisch und ohne alle Traurede. o' Hierauf folgte das Hochzeitsbankett und dann die für eine junge Dame sehr interessante Ceremonie der Heimführung. Sämtliche verheirateten Prinzessinnen mit ihren Oberhofmeisterinnen begleiteten die Braut nach Hause, wohnten ihrer Toilette bei und hielten ein Gebet, worauf sie zu Bett gebracht wurde. Jetzt mußte die Oberhofmeisterin der Braut mich benachrichtigen, daß ich kommen könne. In Begleitung sämtlicher verheirateten Prinzen kam ich nun in das Schlafzimmer und mußte mich nun in Gegenwart dieser sämtlichen Prinzen, Prinzessinnen ins Bett legen. Als die Familien und Umgebungen verschwunden waren, stand ich noch einmal auf, um die eigentliche Nachttoilette zu machen Das übrige verschweige ich."

Aus dieser Ehe des späteren Königs Johann, der noch heute als Dante-Übersetzer unter dem Namen "Philalethes" weltweit bekannt ist, entstammten neun Kinder und zwar drei Söhne und sechs Töchter. Bei diesen handelte es sich im einzelnen um:

1. Maria Auguste Friederike Caroline Ludovika, Amalia Maximiliane Franziska, Nepomucene Xaveria, geb. am 22. Jan. 1827, gestorben am 8. Okt. 1857

2. Friedrich August Albert Anton Ferdinand Joseph Karl Maria Baptista Nepomuk Wilhelm Xaver Georg Fidelis, geb. am 23. April 1828, gestorben am 9. Juni 1902, seit 29. Okt. 1853 unter dem Namen Albert König von Sachsen, vermählt am 18. Juni 1853 mit Carolina Friederike Franziska, Stephanie Amalia Cäcilia (1833 - 1907), Tochter des Prinzen Gustav von Wasa (Schweden)

3. Maria Elisabeth Maximiliane Ludovika Amalie Franziska Sophia Leopoldine Anna Baptista Xaveria Nepomucene, geb. am 4. Febr. 1830 gestorben am 4. August 1912; verheiratet in 1. Ehe 1850 mit Herzog Ferdinand Maria Albert Amadeus Philibert Vincenz von Genua, Prinz von Savoyen-Piemont-Sardinien (1822 - 1855), in 2. Ehe morganatisch 1856 mit Marchese Nicola di Rapallo, gestorben 1882

4. Friedrich August Ernst Ferdinand Wilhelm Ludwig Anton Nepomuk Maria Baptista Xaver Vincenz, geb. am 5. April 1831, gestorben am 12. Mai 1847

5. Friedrich August Georg Ludwig Wilhelm Maximilian Karl Maria Nepomuk Baptista Xaver Cyriakus Romanus, geb. am 8. April 1832, gestorben am 15. Okt. 1904; verheiratet am 11. Mai 1859 mit Dona Maria Anna Ferdinande Leopoldine Michaele Gabriele Charlotte Antonie Julie Victorie Praxedes Franciska de Assis, Gonzaga de Braganza-Bourbon, Herzogin zu Sachsen und Infantin von Portugal (1843 - 1884). Georg war von 1902 bis 1904 König von Sachsen

6. Maria Sidonia Sophia Ludovika Mathilde Wilhelmine Auguste Xaveria Baptista Nepomucene Veronika Hyacintha Deodata, geb. am 16. Aug. 1834, gestorben am 1. März 1862

7. Anna Maria Maximiliane Stephanie Johanna Louise Xaveria Nepomucene Aloysia Benedikta, geb. am 4. Jan. 1836, gestorben am 10. Febr. 1859; verheiratet am 24. Nov. 1856 mit Großherzog Ferdinand IV. von Toscana (1835 - 1908)

8. Margaretha Carolina Friederike Cäcilie Auguste Amalie Josephine Elisabeth Maria Johanna, geb. am 24. Mai 1840, gestorben am 15. Sept. 1858; verheiratet am 4. Nov. 1856 mit Erzherzog Karl Ludwig Joseph Maria von Österreich (1836 - 1896), kaiserlicher Statthalter von Tirol und Vorarlberg

9. Sophia Maria Friedrike Auguste Leopoldine Alexandrine Ernestine Albertine Elisabeth geb. am 15. März 1845, gestorben am 9. März 1867, verheiratet am 11. März 1865 mit Herzog Karl Theodor in Bayern.

Für die Kontakte zwischen Bayern und Sachsen ist neben Johanns Gemahlin Amalia Auguste besonders Prinzessin Sophia wichtig, weil sie seit 1865 mit dem in München allgemein bekannten Augenarzt Herzog Karl Theodor in Bayern verheiratet war. Aus dieser Verbindung ging als einzige Tochter Amalia (1865 - 1912) hervor. Diese verheiratete sich am 4. Juli 1892 im Schloß von Tegernsee mit Herzog Wilhelm von Urach-Württemberg (1864 - 1918). Aus dieser Verbindung stammen die auf Schloß Lichtenstein bei Urach in Baden-Württemberg und in Bayern lebenden Herzöge bzw. Fürsten von Urach, Grafen von Württemberg.

Da die Ehe zwischen Johann und Amalia Auguste reichlich mit Nachkommen gesegnet war, bestand die Gewähr dafür, daß das Haus Wettin-Albertinische Linie fortgesetzt werden konnte und die bereits im 19. Jh. wiederholt bedrohliche Gefahr eines Aussterbens dieses Herrscherhauses als gebannt erschien. Anzuführen ist schließlich noch, daß alle heute lebenden Albertiner unmittelbar von diesem bedeutenden Herrscherpaar abstammen.

Familien- und Kunstreisen

Wiederholt unternahmen Amalia Auguste und Johann Reisen nach Österreich, Bayern und Italien. Das letztgenannte Ziel ergab sich besonders aus der Tatsache, daß das Herrscherpaar eine große Vorliebe für die Kunst und Kultur Italiens besaß, wobei bei diesen Unternehmungen auch verwandtschaftliche Kontakte verstärkt werden konnten. Dies galt besonders für die Residenzstadt Turin (Piemont), wo wiederholt Besuche des mit den Wettinern eng verwandten Herrscherhauses Savoyen-Piemont-Sardinien auf dem Programm standen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß gegenwärtig ein Forschungsvorhaben besteht, wonach auf Grund der im Erzbischöflichen Archiv von Turin reichlich vorhandenen Briefe des Königs Johann mit seinen Kindern wertvolle Ergebnisse zu erwarten sind.

Ähnliche Möglichkeiten ergaben sich auch für das mit den Wettinern eng verwandte Haus Wittelsbach und damit Bayern. So besuchte das damals prinzliche Paar Johann und Amalia Auguste im Oktober 1851 auch München, wo beide bei ihren bayerischen Verwandten schöne Herbsttage verleben konnten. Während dieses Aufenthaltes besuchten sie die um 1850 errichtete Erzstatue der "Bavaria" von Schwanthaler auf der Münchner Theresienhöhe. Am Rande sei vermerkt, daß der Name dieser Anhöhe und der zu ihren Füßen liegenden Wiese auf Königin Therese von Bayern, einer geborenen Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen, zurückzuführen ist. Sie heiratete 1810 König Ludwig I. von Bayern. Auf dieses festliche Ereignis geht bekanntlich das bis in die Gegenwart alljährlich durchgeführte Münchner Oktoberfest zurück. Von München aus ging die Reise weiter an den Bodensee durch Vorarlberg, Liechtenstein und Graubünden nach Italien bis Turin, wo in erster Linie Pflichtbesuche bei Verwandten auf dem Programm standen.

Die Besuche Johanns und seiner Gemahlin Amalia Auguste standen auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten auf dem Programm. Dabei kam es wiederholt zu Besuchen in München und am Tegernsee, wo Familientreffen, vor allem im Schloß von Tegernsee stattfanden. Leider wurde dieses Schloß durch die Wittelsbachische Linie In-Bayern verkauft. Heute befindet sich in ihren Räumen ein Gymnasium und im Erdgeschoß eine gutgehende Brauerei-Gaststätte. Da diese Besuche heute weitestgehend unbekannt sind, sollte in einer ausführlichen Forschungsarbeit diesen Verbindungen der Wettiner und Wittelsbacher noch eingehender nachgegangen werden.

König Johann von Sachsen als Kenner der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme

König Johann von Sachsen erwies sich als hervorragender Kenner der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die sich als Folge der Industrialisierung Sachsens seit Beginn des 19. Jh. ergaben. Diese erwarb er sich dadurch, daß er eine gründliche Ausbildung in den für den Bergbau und den Verkehr zuständigen Abteilungen der sächsischen Staatsregierung erhielt. Damit können wir eine interessante Parallele zur Regierungszeit König Maximilian II. Joseph von Bayern herstellen, der sich ebenfalls mit diesen wichtigen Problemen beschäftigte, wobei er sein Hauptaugenmerk auf die Soziale Frage richtete. Auf Grund der engen Beziehungen der Herrscherhäuser Wettin-Albertinische Linie und Wittelsbach bestanden wohl auch in diesem Zusammenhang gute persönliche Kontakte. Sinnvoll wäre es daher, wenn auf diesem wichtigen Gebiet weitere Forschungen erfolgen würden.

Da die Stellungnahmen König Johanns ein bisher nahezu unbekanntes Kapitel seines Lebens darstellen und diese weit über Bayern, Sachsen und Deutschland wegweisend erscheinen, soll deren Wichtigkeit anhand von ausgewählten Beispielen hervorgehoben werden.

Der Wettiner äußerte sich bereits am 4. August 1834 zur Frage, ob der Geburtsort eines verarmten Bürgers zu dessen finanzieller Unterstützung verpflichtet wäre oder nicht. Diese Frage bejahte er ausdrücklich wegen der dort befindlichen Verdienstmöglichkeiten, aber auch der Gelegenheit zum Auswandern. In ähnlicher Weise trat er auch bei der Beratung einer Armenordnung in der Sitzung der I. Kammer des Sächsischen Landtages gegen eine staatliche Reglementierung ein, räumte aber dafür der privaten Wohltätigkeit, die er als Christenpflicht bezeichnete, den Vorrang ein und wies ihr ein umfangreiches Betätigungsfeld zu.

Von besonderer Bedeutung zeigte sich das Krisenjahr 1847, in dem der Landtag wegen der schwierigen Wirtschaftsverhältnisse zu einer außerordentlichen Sitzungsperiode einberufen wurde. Bei der Beratung über das königliche Dekret vom 22. Januar 1847, das die Nahrungsverhältnisse betraf, setzte er sich in der Sitzung seiner Kammer mit den damit zusammenhängenden Problemen auseinander. Nach seiner Meinung bildete die Ursache der damaligen Wirtschaftskrise die Verarmung. Dabei setzte er voraus, daß die Erscheinung von Armut und Reichtum nie verschwinden würde. Er hielt es vielmehr von der Vorsehung so gefügt, daß die Menschen durch die Bande des Wohltuens auf der einen und der Dankbarkeit auf der anderen Seite verbunden würden. Alle Maßnahmen, die das Gegenteil beinhalteten, hielt er für trügerisch und nachteilig. Dann warf er die sozial berechtigte Frage auf, ob die Verarmung dadurch entstanden sei, daß das Vermögen sich in wenigen Händen konzentriere und die Gelegenheit zur Arbeit fehle. Diesen Zustand hielt er für äußerst gefährlich und nachteilig. Zwangsläufig ergab sich daraus die weitere Frage, ob in Sachsen ein solches Verhältnis bereits eingetreten sei oder es gar die Zukunft bedrohe. Aus diesem Grund trat er für eine gründliche Erörterung dieser sozialen und wirtschaftlichen Probleme unter Zuhilfenahme statistischer Untersuchungen oder Erhebungen ein und gab als Ursache zwei Gründe an:

1. Das Mißverhältnis der Population, d.h. der Bevölkerungsvermehrung gegenüber der Produktion.

2. Eine Konzentration des Vermögens in wenigen Händen.

Er leugnete nicht, daß seit 15 Jahren die Bevölkerung Sachsens einen jährlichen Anstieg um 1 Prozent verzeichnete, bezweifelte aber, ob die Produktion ein entsprechendes Wachstum aufwies. Wenn dieses Mißverhältnis tatsächlich die Ursache für die Verarmung seinsollte, pries er als Mittel zur Lösung dieses sozialen Problems die Verminderung der Bevölkerung durch Auswanderung oder die Vermehrung der Produktion an. Die Möglichkeit einer Auswanderung erkannte er durchaus an, gestand aber ein, daß der richtige Weg noch nicht gefunden sei. Auch die Vermehrung der Produktion erwies sich für ihn als problematisch, weil er den Weg einer Parzellierung, d.h. die Verteilung des Grund und Bodens nach französischem Vorbild für zweifelhaft hielt.

Die Konzentration des Vermögens in wenigen Händen führte er auf die unvermeidliche Wirkung einer erhöhten Kultur zurück. Je mehr also ein Gewerbe kultiviert war, desto mehr Kapital benötigte ein Unternehmer, um es mit Erfolg oder Gewinn betreiben zu können. Dafür mußten aber ausreichende Geldmittel zur Verfügung stehen. Auf diese Weise mußte sich bei den großen Kapitalgebern der Verdienst vergrößern, bei den kleinen jedoch vermindern. Auch da gab es nach seiner Meinung eine Lösung durch die Förderung der Sparsamkeit bei den niederen Klassen. Zugleich ermahnte er die höheren oder wohlhabenderen Klassen, mit gutem Beispiel voranzugehen, weil sich ihr in Friedenszeiten gestiegener Luxus bisher nachteilig ausgewirkt hatte. Um seine Vorschläge zu verwirklichen, trat er nochmals für eine umfassende Sammlung statistischen Materials ein.

Diesen damit angesprochenen Problemkreis führte Johann auch im Revolutionsjahr 1848 weiter, als er bei der Beratung des wirtschaftlichen Notstandes am 11. September erneut zu Lösungsmöglichkeiten der Wirtschaftskrise Stellung bezog. Dabei verglich er den Staat und seine Organe mit der Stellung eines Arztes bei der Betreuung eines Kranken. Dieser hätte zunächst der momentanen Krankheit helfen und sodann Maßnahmen gegen ihre Wiederkehr zu ergreifen. Der Staatsregierung stimmte er zu, daß sie die notwendigen Maßnahmen ergriffen habe, um das momentane Übel zu beseitigen. Dazu konnten sich noch weitere Maßnahmen als notwendig erweisen, die in normalen Zeiten nicht erforderlich waren. In diesen Zusammenhang gehörte namentlich das Vergeben von zusätzlichen Arbeitsaufträgen durch den Staat. Diese seien an und für sich nicht nötig, müßten aber bei ihrer Anwendung volkswirtschaftlichen Nutzen erbringen. Dabei war er natürlich als Fachmann überaus erfreut, daß Sachsen im Verhältnis zu anderen Ländern nur wenig unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatte. Er erkannte aber durchaus die Abhängigkeit seines Landes von den Wirtschaftsverhältnissen in den Nachbarstaaten. Erst nach deren Klärung könnte ein erneuter wirtschaftlicher Aufschwung eingeleitet werden. Bezüglich der Vorbeugungsmaßnahmen gegenüber der Bedrohung durch Wirtschaftskrisen trat er für eine Klärung der Arbeitsverhältnisse ein. Darüber wurden damals weitläufige Enqueten veranstaltet. Diese fanden ihren Niederschlag in der "Kommission für Gewerbe- und Arbeiterverhältnisse" und trugen in der weiteren Folge entscheidend zur Reform der Gewerbegesetzgebung im Jahre 1861 bei.

Was den Handelsverkehr betrifft, so war es Johann durchaus klar, daß Sachsen als kleines Land keinen geschlossenen Handelsstaat bilden konnte und dies höchstens für ein wirtschaftlich einiges Deutschland sich als notwendig erwies. Er schloß sich auch nicht dem Vorschlag seines Kammerkollegen Freiherr von Friesen an, daß ein Land sich darauf beschränken müßte, seine eigenen Produkte zu verarbeiten. Vielmehr trat er schon damals für eine allgemeine Handelsfreiheit ein. Damit bekannte er sich bereits in den Revolutionsjahren 1848/49 als Anhänger des Freihandels und dies zu einer Zeit, in der sich auch im eigenen Land einflußreiche Stimmen für ein Schutzzollsystem erhoben.

Von großer Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale Einstellung König Johanns ist vor allem sein Briefverkehr mit dem amerikanischen Literaturhistoriker und zeitweiligen Bostoner Universitätsprofessor George Ticknor. Neben dem Austausch über wissenschaftliche kulturelle und politische Fragen wurden in diesem Briefverkehr auch Probleme der Sozial- und Wirtschaftspolitik angesprochen. So verwies er in einem Brief auf die Bedeutung der Erhaltung des Friedens für die Entwicklung der Wirtschaft in Europa und speziell in Sachsen. Dabei erwähnte er besonders die Drohung durch kriegerische Auseinandersetzungen in erster Linie im Orient, womit eine Parallele zu dem noch heute ungelösten Problemkreis beispielsweise in Palästina oder Afghanistan besteht.

Wohl den bedeutendsten Brief an seinen amerikanischen Freund verfaßte der damalige Prinz Johann am 3. Sept. 1848, wobei er die revolutionären Ereignisse zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen wählte In diesem Zusammenhang kam er auch auf die verschiedenen politischen Parteien zu sprechen, die uns gleichzeitig seine Einstellung zur sozialen Entwicklung verdeutlichen. Dazu äußerte er sich wörtlich wie folgt:

"Man kann im allgemeinen fünf große Meinungsabteilungen in Europa unterscheiden:
1. Die anarchische Partei oder die der roten Republikaner, zusammengesetzt aus einem großen Teile der Proletarier, aus Leuten in ruinierten Verhältnissen, die die Revolution um der Revolution willen lieben und aus den Schülern des Kommunismus und Sozialismus.
2. Die Republikaner, die eine gesetzliche Einführung einer Republik wünschen. Die Zahl dieser Partei dünkt mich verhältnismäßig klein, doch ist zu fürchten, daß sie bei Gelegenheit ihre Kräfte der ersten Partei leiht.
3. Die Männer für die Monarchie auf breitester demokratischer Basis, die die Monarchie ohne irgendeine Gewalt des Monarchen und ohne die nötige Bedingung desselben haben wollen. Diese Partei, die sehr zahlreich ist, verwirft jeden Zensus der Wahlfähigkeit und die Erste Kammer.
4. Die konservativ-liberale Partei, zusammengesetzt aus der alten liberalen Opposition, nicht so zahlreich, aber von mehr Gewicht in Rücksicht auf die Intelligenz als die letztere, jedoch zum Teil erdrückt unter den Folgen des eigenen Systems.
5. Die aristokratische Partei in Furcht gehalten für den Augenblick. Die meisten intelligenten Leute fühlen, daß sie nicht dem Strome widerstehen können und machen mit der liberal-konservativen Partei gemeinsame Sache."

Seiner Meinung nach hatten die konservativen Richtungen nach den Siegen der österreichischen Armee in Prag und in Italien an Mut und Tatkraft gewonnen. Das bezeichnete dieser Wettiner als das beste Symptom der damaligen sozialen und politischen Lage.

Nach einer treffenden Charakterisierung der Situation kam er auch auf Deutschland zu sprechen, wo zwei konstitutionell monarchische Parteien um die Vorherrschaft kämpften. Es handelte sich dabei um die Auseinandersetzungen zwischen der kleindeutschen und der großdeutschen Richtung oder zwischen Zentralismus und Partikularismus bzw. Föderalismus. In dieser Beziehung trat Johann für eine Lösung der "Deutschen Frage" nach dem Vorbild der Verfassung der USA ein. In diesem Brief bewies er eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe für die umwälzenden Ereignisse in Europa und speziell seiner engeren sächsischen Heimat. Besonders die Beurteilung der revolutionären Vorgänge in Italien bewies, daß er durchaus die sozialen Strömungen und Ideen der Revolution in die Beurteilung der aktuellen politischen Lage einzubeziehen wußte und diese auch voll in ihrer Bedeutung erkannte.

Daraus können wir den Schluß ziehen, daß König Johann von Sachsen die wirtschaftlich-sozialen Fragenseiner Zeit klar übersah, womit er auch entscheidend sein Wort erheben konnte. Seine soziale Einstellung, die sich deutlich in der Frage des Armenwesens widerspiegelt, legt Zeugnis ab von einem tief im Christentum verwurzelten Menschen, der hier seine religiösen und sittlichen Grundsätze in die Tat umsetzen konnte. Damit wurde er zu einem Wegbereiter der durch die damaligen Probleme der Industrialisierung und der mit ihr zusammenhängenden Sozialbewegung in Deutschland aktuell gewordenen katholischen Soziallehre, die später durch die berühmten Enzykliken der Päpste Leo XIII. und Pius XI. Bedeutung erlangte. Offenbar erkannte er aber auch die zahlreichen Werke von Karl Marx und Friedrich Engels, die seine Überzeugung als Christ und Politiker bestärkten.

Verursacht wurde diese Aufgeschlossenheit Johanns besonders durch die im 19. Jh. verstärkt einsetzende Industrialisierung des Königreiches Sachsen und die mit ihr in engem Zusammenhang stehende soziale Bewegung. Die Antwort des sächsischen Staates und des regierenden Hauses Wettin auf diese Herausforderung bildete das unter seiner Herrschaft entstandene und von ihm maßgeblich beeinflußte erste moderne sächsische Gewerbegesetz vom 15. Oktober 1861, dem später weitere wichtige Reformgesetze, vor allem im Bergbau folgten. Beachtlich ist, daß in diesem Gewerbegesetz zusätzlich zur Einführung der Gewerbefreiheit fast alle wichtigen Errungenschaften der späteren Bismarck'schen Sozialgesetzgebung vorweggenommen wurden. Das gilt beispielsweise für das Problem der Kinderarbeit, die Regelung der Arbeitszeit, die soziale Krankenversicherung oder den Schutz der werdenden Mütter. Beachtlich ist, daß in diesen gesetzlichen Vorschriften auch erstmals Ansätze für die Gestaltung einer modernen Umweltpolitik aufscheinen.

König Johann kann auch als Jurist bedeutsame Erfolge aufweisen. Dazu gehörte neben dem bereits erwähnten Gewerbegesetz von 1861 das am 2. Jan. 1863 verkündete und mit Wirkung vom 1. März 1865 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch für das Königreich Sachsen. Auch am Zustandekommen des Sächsischen Strafgesetzbuches besaß Johann wesentlichen Anteil. Dieses seit 1855 gültige Gesetzeswerk besitzt auch heute noch aktuelle Bezugspunkte.

Entsprechend seiner politischen Einstellung beteiligte sich König Johann auch an der Reform des bis 1866 bestehenden Deutschen Bundes, wobei er immer wieder gemeinsam mit Bayern für ein föderalistisches Deutschland eintrat. Zeitweise bestand sogar auch ein in der Gegenwart durchaus aktueller Vorschlag zur Lösung der Deutschen Frage durch die sog. Trias-Idee. Danach sollten die Regierungsspitze Deutschlands nach den beiden Großmächten Österreich und Preußen wechselweise die deutschen Mittelstaaten stellen. Diese Idee verfochten vor allem die mittelstaatlichen Regierungen Bayerns, Sachsens und Hessens. Wenn auch diese Vorstellung am Widerstand Preußens scheiterte, so könnte sie auch heute noch einen wesentlichen Beitrag zur Lösung nicht nur der Deutschen Frage, sondern auch in Europa und in vielen Teilen der Welt leisten. Dieser wichtige Vorschlag fand beispielsweise in Malaysia (Südostasien) Verwirklichung, wo die einzelnen Herrscher der in einem Bundesstaat zusammengefaßten Länder wechselweise das Staatsoberhaupt stellen. Diesem Prinzip des Föderalismus blieben Bayern und Sachsen eigentlich bis in unsere heutige Zeit treu, ist doch beispielsweise die Zusammenarbeit in der sog. Südschiene zwischen Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie geschichtliche Traditionen in einem neuzeitlichen Gewand weiterwirken.

Die griechische Kandidatur

Interessant erscheint weiterhin die Tatsache, daß Johann von Sachsen zeitweise als Kandidat für den neugeschaffenen griechischen Thron vorgesehen war. Er hatte aber diese Kandidatur wohl im Hinblick auf die Thronfolge in Sachsen abgelehnt und sich in einem Brief vom 26. Nov. 1829 an seinen preußischen Schwager, König Wilhelm IV., scherzhaft als "Ex-König von Griechenland" bezeichnet. Bedeutsam wurde aber dann, daß der zweite Sohn König Ludwig I. von Bayern Otto (1815 - 1867) am 27. Mai 1832 den griechischen Königsthron bestieg, obwohl Otto diese Würde am 24. Okt. 1862 wieder verlor, ist noch heute in Bayern und Griechenland seine Regierungszeit als König unvergessen. Seine Grabstätte in der Gruft der Wittelsbacher unterhalb der Theatinerkirche München ist immer wieder von Griechen besucht, auch von offiziellen Stellen der Athener Regierung. Sein Sarkophag ist übrigens mit den griechischen Nationalfarben versehen.

Freund der Wissenschaft

Ferner ist noch darauf zu verweisen, daß König Johann von Sachsen auch gegenüber der Wissenschaft und ihren Problemen durchaus aufgeschlossen war. So schuf er beispielsweise eine noch heute anerkannte deutsche Übersetzung der "Göttlichen Komödie" von Dante. Diese wurde von ihm unter dem Pseudonym "Philalethes" (Freund der Wahrheit) publiziert. Wahrscheinlich gab ihm dazu sein Freund und Leibarzt Carl Gustav Carus die entscheidende Anregung. Dieser gehörte einem Kreis von geistig interessierten Freunden des Wettiners an. Diese trafen sich zu regelmäßigen Aussprachen über wissenschaftliche, künstlerische und kulturelle Fragen in seinen Lieblingsschlössern Weesenstein bei Pirna, Jahnishausen bei Riesa und Pillnitz bei Dresden. Auch für Fragen der Medizin und Naturwissenschaften zeigte er sich wohl durch Vermittlung von Carl Gustav Carus ebenfalls als aufgeschlossen.

So ist es verständlich, daß Johann bereits als Kronprinz 1852 die Ehrenmitgliedschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München erhielt. Beweise dafür liefern das "Hof- und Staatshandbuch des Königreichs Bayern" von 1856 und das unter dem Titel "Geist und Gestalt" 1984 erschienene Verzeichnis der Mitglieder dieser wissenschaftlichen Einrichtung in der bayerischen Landeshauptstadt München.

Wenn die vielfältigen Beziehungen dieses wohl bedeutendsten sächsischen Monarchen aus dem Hause Wettin-Albertinische Linie im 19. Jh. nur anhand von ausgewählten Beispielen behandelt werden konnten, darf zusammenfassend gesagt werden, daß seine Bedeutung für Sachsen, Bayern und Deutschland nicht nur für seine Regierungszeit von 1854 bis 1873, sondern auch in unserer modernen Zeit wichtig und beispielhaft erscheint. Am besten gibt dies das "Festspiel" des Dresdner Hofkapellmeisters Carl Maria von Weber aus Anlaß der Vermählung des damaligen Prinzen Johann mit Amalia von Bayern im November 1822 wieder. Im abschließenden Gesang des Allgemeinen Chores heißt es wörtlich:

"Laßt die deutschen Königseichen
mit verschlugnen Zweigen wachsen!
Schütze Baiern, schütze Sachsen,
daß sie blühen und gedeihn!
Laß dort in dem Eichenschatten,
wie die Gattin mit dem Gatten,
so die Völker, so die Fürsten
liebevoll befreundet sein!"

 

 

Literaturhinweise:

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Falkenstein, Johann Paul von   Johann - König von Sachsen, Dresden 1879
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Hennig, Lutz - Müller, Katja - Wintermann, Klaus Dieter   700 Jahre Schloß Weesenstein, Geschichte, Dresden-Basel 1995
Kretzschmar, Hellmut (Hrsg.)   Lebenserinnerungen des Königs Johann von Sachsen - Eigene Aufzeichnungen des Königs über die Jahre 1801 - 1854, Göttingen 1958
Kretzschmar, Hellmut   Die Zeit Königs Johann von Sachsen 1854-1873, Berlin 1960
Matzerath, Josef   Aspekte Sächsischer Landtagsgeschichte - Umbrüche und Kontinuitäten 1815 - 1868, Dresden 2000
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Sachsen Albert, Herzog zu   Die Albertinischen Wettiner - Geschichte des Sächsischen Königshauses 1763 - 1932, Gräfelfing 1995 (3. Aufl.)
Sachsen Albert, Herzog zu   Die Wettiner in Lebensbildern, Graz -Wien - Köln, 1995
Sachsen Albert, Herzog zu   Die Wettiner in Sachsen und Thüringen, Schriftenreihe des "König Friedrich August-Instituts zur Sächsischen Geschichts- und Kulturforschung e. V.", Band 2, Dresden 1996
Sachsen Albert, Herzog zu   Auf dem Weg in den modernen Sozialstaat - König Johann von Sachsen war ein genauer Beobachter der europäischen Veränderungen zur Zeit der industriellen Revolution, in: Deutsche Tagespost Nr. 126 vom 20.10.2001, Würzburg 2001
Sachsen Johann Georg, Herzog zu (Hrsg.)   Briefwechsel zwischen König Johann und Sachsen und den Königen Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. von Preußen, Leipzig 1911
Sachsen Johann Georg, Herzog zu (Hrsg.)   Briefwechsel König Johanns von Sachsen mit George Ticknor, Leipzig/Berlin 1920
Sächsische Schlösserverwaltung - Staatlicher Schloßbetrieb Schloß Weesenstein (Hrsg.)
  König Johann von Sachsen - Zwischen Zwei Welten, Katalog, Halle an der Saale 2001
Thürauf, Ulrich - Stoermer, Monika   Gesamtverzeichnis der Mitglieder der Bayer. Akademie der Wissenschaften 1759 - 1984, München 1984
    Hof- und Staatshandbuch des Königreichs Bayern, München 1856
Verein für Sächsische Landesgeschichte e.V. (Hrsg.)
  König Johann von Sachsen 1801/1854 - 1873 - ein Blick auf Deutschland, Dresden 2000
Zimmermann, Ingo   Johann von Sachsen Philalethes - Die Zeit vor der Thronbesteiung , München-Berlin 2001

 
 

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