Seine Königliche Hoheit
Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen

Ihre Königliche Hoheit
Elmira Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen

Die Freundschaft zwischen
Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach und Johann Wolfgang von Goethe
unter besonderer Berücksichtigung
der Sozial- und Wirtschaftspolitik



 
 

 

Einer der bedeutendsten Vertreter der Ernestinischen Linie des Hauses Wettin war Herzog bzw. Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757- 1828), der bekanntlich eine enge persönliche Freundschaft mit dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) unterhielt.

Es ist daher zum Verständnis unserer Ausführungen wichtig, daß wir uns mit Leben und Werk dieses bedeutenden Wettiners vertraut machen. Karl August wurde am 3. September 1757 in der Residenzstadt Weimar geboren. Als Folge des allzu frühen Todes seines Vaters, Ernst August Constantin, hatte seine Mutter Anna Amalia die Vormundschaft und die Regierung für Karl August bis zu seiner Volljährigkeit mit 18 Jahren übernommen. Sie ließ dem vielseitig begabten und temperamentvollen Thronfolger eine hervorragende Erziehung zuteil werden. Diese wurde in ihrem Auftrag von Graf Johann Eustachius Goertz-Schlitz, dem Schwaben Christoph Martin Wieland und Karl Ludwig Knebel verantwortlich geleitet, erreichte aber nicht, daß das überschäumende Wesen des Prinzen gezügelt werden konnte.

Die Lösung dieser schwierigen Aufgabe blieb Johann Wolfgang von Goethe vorbehalten, den Karl August mit seiner Volljährigkeit 1775 und unmittelbar nach seiner Hochzeit am 3. Oktober desselben Jahres in Karlsruhe mit Prinzessin Luise Auguste von Hessen-Darmstadt in seine Haupt- und Residenzstadt Weimar holte. So traf Goethe am 7. November 1775 in Weimar ein. Sein Lebensunterhalt mußte der Dichterfürst zunächst durch Darlehen und Geldgeschenke des Herzogs bestreiten. Seinen ersten Winter in Weimar verbrachte er als Gast des Kammerpräsidenten Heinrich von Kalb im Deutschritterhaus.

Mit Karl August verband ihn - wie bereits erwähnt - eine enge Freundschaft. In einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann, dem Privatsekretär Goethes, zeichnete dieser am 23. Oktober 1828 rückschauend folgendes Charakterbild Karl Augusts:

"Er war achtzehn Jahre alt, als ich nach Weimar kam, aber schon bald zeigten seine Keime und Knospen, was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das Innigste an mich an und ich nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil, kam unserem Verhältnis zugute. Er saß ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre lang haben wir es miteinander fortgetrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas gebracht hätten. Es war wie ein edler Wein, aber noch in gewaltiger Gärung. Auf Parforce-Pferden über Hecken, Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im Walde; das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben, war ihm nichts, aber er hätte sich eines erringen, erjagen und erstürmen können, das wäre ihm etwas gewesen."

In diesen Worten Goethes klang es ein wenig harmloser als es wirklich war. Die Freunde amüsierten sich offenbar auf Kosten Untergebener. Ein bezeichnendes Beispiel dafür stellt der Weimarer Buchhändler Friedrich Johann Justin Bertuch dar, der zugleich Schatullenverwalter Karl Augusts, d. h. für die Finanzen des Hofes verantwortlich war. Interessant erscheint, daß Knebel diese freundschaftliche Verbindung zwischen Goethe und dem Herzog vermittelte. Anlaß dazu bot sich während einer Bildungsreise im Jahre 1774 Dazu berichtet der Biograph und Historiker Hans Tümmler:

"Knebel war es denn auch, der Karl Augusts lebenswichtigste Bekanntschaft vermittelte. Er führte den 17jährigen Prinzen während seiner großen Bildungsreise, die er in Begleitung seines Bruders Constantin, des Grafen Goertz, des Stallmeisters von Stein und eben Knebels im Dezember 1774 antrat, in Frankfurt und später noch einmal in Mainz mit dem schon berühmten Dichter des 'Götz' und des 'Werther', Johann Wolfgang von Goethe, zusammen. Karl August war von anrührbarer Natur. Er faßte zu dem 8 Jahre Älteren, der, anknüpfend an Justus Mösers 'Patriotische Phantasien', die Knebel wie zufällig auf dem Tisch hatte liegen lassen, die Möglichkeiten und Vorzüge eines kleineren Staates hervorhob, eine tiefe, man könnte sagen, schicksalhafte Zuneigung, die lebenslang anhielt und in ihrem Kern durch keinen Konflikt zu erschüttern war."

Mit 18 Jahren vermählte sich Karl August, der inzwischen für volljährig erklärt war und damit die Regierung des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach selbständig übernehmen konnte, mit Landgräfin Luise Auguste von Hessen-Darmstadt (1757 - 1830). Diese eheliche Verbindung erwies sich zunächst als sehr glücklich, dann aber in zunehmendem Maße als schwierig. Auch in dieser Beziehung hatte sein Freund Goethe insofern entscheidenden Anteil, als dieser sich als guter Geist wiederholt für die Fortführung dieser Ehe einsetzte.

Aus dieser Verbindung gingen vier Kinder hervor, darunter zwei Söhne. Als wichtig erwies sich die Tatsache, daß sein ältester Sohn Karl Friedrich (1783-1853) am 3. August 1804 - nach dem Julianischen Kalender - am 23. Juli dieses Jahres - mit Maria Pawlowna, Großfürstin von Moskau (1786-1859), einer Tochter des Zaren Pauls I. von Rußland, den Bund der Ehe einging. Damit bahnte sich eine enge verwandtschaftliche Beziehung zum russischen Zarenreich an, die noch in der Gegenwart insofern nachwirkt, als im Frühjahr 2002 in Schloß Kromsdorf bei Weimar eine Maria-Pawlowna-Gesellschaft gegründet wurde. Diese Vereinigung besitzt auch für das gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Leben des Freistaates Thüringen erheblichen Stellenwert. Auch meine Frau, Prinzessin Elmira, und ich gehören als Mitglieder dieser Vereinigung an. Damit wollen wir entsprechend der Tradition des Gesamthauses Wettin ein Beispiel dafür geben, wie wichtig uns die Zusammenarbeit der Länder Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt im europäischen Sinn erscheint.

Der zweite Sohn Karl Augusts, Karl Bernhard (1792-1862), vermählte sich am 30. Mai 1816 in Meiningen mit Ida Herzogin von Sachsen-Meiningen (1794-1852), einer Tochter Herzogs Georg I. von Sachsen-Meiningen. Damit leistete Karl Bernhard einen wesentlichen Beitrag zur Festigung der verwandtschaftlichen Kontakte innerhalb der Ernestinischen Fürstentümer in Thüringen.

Mit Goethe bereiste Karl August sein gesamtes Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und lernte auf diese Weise an Ort und Stelle alle Nöte und Probleme seiner Untertanen kennen. So förderte er die Landwirtschaft, den Bergbau, das Gewerbe und den Handel. Damit vertrat er - ähnlich wie später König Johann von Sachsen - das, was wir heute mit den Begriffen "Wirtschaftliche" oder "Soziale Komponente" bezeichnen können. Interessant erscheint die Tatsache, daß diese für die Entwicklung der Sozial- und Wirtschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts bedeutsamen Prinzipien in der Geschichte beider Linien des Hauses Wettin vom Mittelalter bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 sich wie ein roter Faden durch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung ziehen. In vielen Fällen taucht diese Aufgeschlossenheit für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme auch noch in unserer modernen Zeit auf. Dies ist beispielsweise der Fall im Zusammenhang mit der Rückübertragung des einst wettinischen Eigentums seit der Wende 1989/90. Es ist etwa an die Verträge vom 9. September 1999 mit den Albertinischen Wettinern und dem Freistaat Sachsen oder dem vor kurzem abgeschlossenen Vergleich zwischen dem Ernestinischen Haus Sachsen-Weimar-Eisenach und dem Freistaat Thüringen zu erinnern. In beiden Übereinkommen ließen sich Repräsentanten beider Häuser vorzugsweise von wirtschaftlichen und sozialen Rücksichten leiten, womit Traditionen aus der Zeit vor 1918 zum Tragen kamen.
Daraus können Sie, verehrte Anwesende, ersehen, wie ernst wir es als Wettiner insgesamt mit der Bewältigung der auch heute noch aktuellen Probleme sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Art nehmen.

Bedeutsam ist auch noch, daß Karl August seinem Freund Johann Wolfgang von Goethe auf dem Sektor der Wirtschafts- und Sozialpolitik wichtige Aufgabenbereiche als Minister übertrug. So bekleidete der Dichterfürst fast alle Ressorts, die die wirtschaftlichen Bereiche betrafen. An dieser Stelle wollen wir besonders den Bergbau anführen, wobei das Zentrum desselben im Bereich von Ilmenau zu suchen ist. Noch heute besteht in dieser Stadt eine bedeutsame Technische Hochschule, die unmittelbar auf den Bergbau zurückgeht.

Vom Herzog Karl August wurde Goethe beauftragt, das dort befindliche, seit kurzer Zeit aber stillgelegte Kupfer- und Silberbergwerk wieder in Betrieb zu nehmen. Nach umfangreichen Vorarbeiten schlug der Dichterfürst seinem wettinischen Freund vor, ihm in der dafür unter seiner Leitung stehenden Fachkommission den Regierungsrat Christian Gottlob Voigt als Mitarbeiter beizuordnen. Diesem Vorschlag stimmte Karl August zu. Daraus entstand nicht nur eine dienstliche Verbindung, sondern auch eine persönliche Freundschaft zwischen Voigt und Goethe. Davon legt noch heute ein umfangreicher Briefverkehr beredtes Zeugnis ab.

Noch vor der feierlichen Wiedereröffnung dieses Bergbauunternehmens fuhren Goethe und Voigt 1784 gemeinsam in einer Kutsche durch den winterlichen Wald nach Ilmenau. Aus dem gleichen Jahr stammt auch ein Kux, d.h. ein unseren Aktien vergleichbarer Anteilsschein am Ilmenauer Kupfer- und Silberbergwerk, ausgestellt auf Elisabetha Carolina Bertuch aus Weimar. Dabei erscheint bemerkenswert, daß dieser Anteilsschein von Goethe und Voigt als Mitglieder der Herzoglichen Bergwerks-Commission im Auftrag von Karl August unterzeichnet wurde. Des weiteren ist von Interesse, daß Goethe um 1790/91 Skizzen zu einer Wasserhaltungsdampfmaschine und einer Wassersäulenmaschine anfertigte. Dabei handelt es sich um Vorlagen oder Pläne für derartige Maschinen, die wahrscheinlich im genannten Bergwerk Verwendung fanden. Damit taucht eine weitere wichtige Frage auf, inwieweit Goethe mit den Problemen der einsetzenden Industrialisierung vertraut war. Offenbar besaß er Kontakte mit der 1765 in Freiberg im Erzgebirge auf Veranlassung des Administrators Prinz Xaver von Sachsen gegründeten und noch heute allgemein bekannten und berühmten Bergakademie. Einer ihrer Absolventen war Goethes Freund Christian Gottlob Voigt, der nach dem Studium der Rechtswissenschaften von 1773 bis 1775 in Jena, zwischen 1776 und 1779 an der Bergakademie in Freiberg studierte. Danach wurde er von 1779 bis 1783 in Ilmenau als Geologe tätig. 1783 wurde Voigt schließlich Bergrat und damit technischer Leiter des Ilmenauer Bergbaues. Auf Grund der Forschungen des Freiberger Dozenten Otfried Wagenbreth wissen wir, daß Karl August und Goethe Voigt nach Freiberg entsandten, damit dieser sich in der erzgebirgischen Bergbaumetropole für die bevorstehende Leitung des Ilmenauer Bergbaues ausbilden konnte. Damit ist nicht nur eine enge Bindung zwischen der Bergbaustadt Freiberg und der Bergbaustadt Ilmenau quellenmäßig belegt, sondern auch ein eindeutiger Beweis dafür erbracht, wie segensreich sich die Freundschaft zwischen dem Dichterfürsten und dem Wettiner zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach auswirkte. So schrieb Goethe am 29. August 1783 wörtlich an Karl August folgende Zeilen:

"Es hat Johann Carl Wilhelm Voigt der jüngere, nachdem er durch die Gnade Ew. Durchlaucht die Freiberger Bergakademie besuchen und sich sowohl in denen sächsischen als Harzgebürgen umsehn und seine Kenntnisse erweitern können, bisher sehnlichst gewünscht, auf die eine oder andere Weise Ew. Durchlaucht Diensten gewidmet zu sein. Vielleicht wären Höchstdieselben nicht abgeneigt, ihn als Bergsekretär bei der Kommission anstellen zu lassen. Es beschäftigt zwar dasjenige, was für ihn in dieser Qualität zu tun sein mögde, einen Mann nicht völlig, allein es wird nicht nur bei nun mehr balde zu hoffende Umtriebe des Ilmenauer Werkes die Arbeit vermehrt werden, sondern er auch sich dadurch mehr ausbilden, Hochdenselben in diesen oder vielleicht ändern Fächern fürstliche Dienste leisten können. Wie denn seine Fähigkeiten und sein guter Wille das beste Zeugnis verdienen."

Da es sich bei den beiden Vertretern der Familie Voigt offensichtlich um zwei verschiedene Persönlichkeiten handelt, die aber beide im Dienst von Karl August standen, dürfen wir mit einiger Sicherheit annehmen, daß diese zumindest in enger verwandtschaftlicher Beziehung standen. Bezeichnend erscheint aber für unseren Zusammenhang, daß sie gemeinsam mit Goethe und Karl August in Kontakt zum Ilmenauer Bergbau standen.

Interessant ist, daß Goethe und Voigt vom 21. bis 28. Februar 1784 zur Eröffnung des neuen Bergwerkes nach Ilmenau fuhren und dort im Posthaus wohnten. Am 24. Februar fand dann der festliche Eröffnungsakt für das erwähnte Bergwerk statt. Eine wichtige Vorbedingung dazu war, daß durch den Verkauf von Kuxen das erforderliche Betriebskapital beschafft werden konnte. Dabei ist noch anzuführen, daß von 434 in Sachsen-Weimar-Eisenach gezeichneten Kuxen 42 durch den Hof, darunter 30 durch die herzogliche Familie gezeichnet wurden. Weitere 53 Kuxe brachten der Adel, 308 das Bürgertum und 31 die Gemeinden, Innungen und die Eisenacher Landschaftskasse auf. Unter den Kapitalgebern aus dem Bürgertum waren Christoph Martin Wieland mit 10 und Goethe mit 3 Kuxen vertreten. Dazu kamen noch mehr als 60 Kapitalgeber aus der Bürgerschaft von Ilmenau. Vom "Ausland" beteiligten sich die befreundeten fürstlichen Höfe von Gotha, Meiningen und Hessen-Darmstadt. Auch auswärtige Vertreter des Adels mit 170 und des Bürgertums mit 369 Kuxen zeichneten als Kapitalgeber für das neue Ilmenauer Bergwerk. Insgesamt wurden 1000 Kuxe zur Zeichnung aufgelegt. Laut Kostenvoranschlag von 1783 war eine Summe für Investitionen in Höhe von 20.000 Talern vorgesehen. Als Ziel wurde vorgegeben, daß sich die Gruben durch Erzverkauf selbst tragen sollten. Bis in das 19. Jahrhundert konnte dieses Bergwerk mit mehr oder weniger Erfolg betrieben werden.

Über die Eröffnung liegt uns folgender Quellenbericht vor:

"Als auf diese Weise alles vorbereitet war, geschähe den 24. Febr. 1784 die solenne (feierliche) Eröffnung des Bergbaues, zu welcher einige Tage zuvor sich Herzogliche Bergwerks-Kommission nach Ilmenau begeben hatte. In dem großen Zimmer des dasigen Posthauses versammelten sich nämlich auf vorhergegangene Einladung die Herren Honoratioren der Stadt, und der Herr Geheime Rat von Goethe hielt daselbst eine passende Rede, die auch ausgedruckt und ausgeteilt wurde. Während dem aber paradierte die gesamte Knappschaft mit ihrer hundertjährigen Fahne vor dem Posthause. Hierauf war ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet, und nach demselben zog alles in Prozession an welche sich die ganze Bürgerschaft und die geschmückten Schulkinder mit ihren Fahnen anschlössen, nach dem Punkt, der durch einen Markscheiderzug des Herrn Berggeschworenen Schreiber für den Johannesschacht bestimmt und mit grünen Tannenreiß umflochten war. Der Herr Berggeschworene Schreiber präsentierte dort eine zierlich gearbeitete bergmännische Keilhaue, womit der Herr Geheimrat von Goethe den ersten Hieb vollbrachte. Ein dreimaliges Glück auf! ertönt hierbei von der anwesenden Menge.- Hernach wurde aus jedem Stande einer (zu einem Hieb mit der Keilhaue) aufgefordert ... , und selbst die Schulkinder wurden davon nicht ausgeschlossen. - Noch gab der Anblick eines fröhlichen Knaben, der die Kinderfahne trug, Gelegenheit, auch ihm namens sämtlicher Jugend, die Keilhaue zu Beschluß des ersten Anhiebs reichen zu lassen, damit das Andenken des hoffnungsvollen Tages sich noch mehr in den Herzen der Jugend befestigen und so der Eifer für das wichtige Bergwerk auf die Nachkommenschaft fortgepflanzt werden möge.- Von diesem Augenblicke ging nun die Arbeit fort, und der Tag wurde mit einigen Feierlichkeiten beschlossen."

Erleichtert schrieb Goethe über den Beginn des Ilmenauer Bergbaues an den befreundeten Herzog Ernst Ludwig von Gotha-Altenburg am 15. März 1784:

"Nicht leicht habe ich etwas mit soviel Hoffnung, Zuversicht und unter so glücklichen Aspekten unternommen, als diese Anstalt eröffnet worden, und das allgemeine Zutrauen scheint mit einzustimmen."

Unter dem Eindruck der Ereignisse um die Eröffnung dieses Ilmenauer Bergwerkes entstand am 3. September 1783 aus der Feder Goethes auch das Gelegenheitsgedicht mit der bezeichnenden Überschrift Ilmenau, das wir im folgenden ausschnittsweise wiedergeben wollen:

"Anmutig Tal! Du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste,
entfaltet mir die schwer behangenen Äste,
nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
erquickt von euren Höh'n am Tag der Lieb und Lust,
mit frischer Luft und Balsam meine Brust.

Wie kehrt' ich oft mit wechselndem Geschicke,
erhabener Berg, an deinen Fuß zurücke!
0 laß mich heut an deinen Höh'n
ein jugendlich, ein neues Eden sehen!
Ich hab' es wohl auch mit um euch verdienet:
Ich sorge still, indes ihr ruhig grünet.

Laßt mich vergessen, daß auch hier die Welt
so manch Geschöpf in Erdefesseln hält,
der Landmann leichten Sand den Samen anvertraut
und seinen Kohl dem frechen Wilde baut,
der Knappe karges Brot in Klüften sucht,
der Köhler zittert, wenn der Jäger flucht.
Verjüngt euch mir, wie ihr es oft getan,
als fing ich heut ein neues Leben an.

[...]

Ich sehe hier, wie man nach langer Reise
im Vaterland sich wiederkennt,
ein ruhig Volk in stillem Fleiße
benutzt, was Natur an Gaben ihm gegönnt.
Der Faden eilet von dem Rocken
des Webers raschem Stuhle zu,
und Seil und Kübel wird in längrer Ruh'
nicht am verbrochnen Schachte stocken;
es wird der Trug entdeckt, die Ordnung kehrt zurück,
es folgt Gedeihn und festes ird'sches Glück.

So mög', o Fürst, der Winkel deines Landes
ein Vorbild deiner Tage sein!
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
der kalt sich selbst und seinem Willen lebt,
allein wer andre wohl zu leiten strebt,
muß fähig sein, viel zu entbehren.

So wandle du - der Lohn ist nicht gering -
nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
hier auf dem Weg, dort zwischen Dornen fiel.
Nein! Streue klug wie reich, mit männlich steter Hand
den Segen aus auf ein geackert Land;
dann laß es ruhn: Die Ernte wird erscheinen
und dich beglücken und die Deinen."

Dieses Gedicht entstand, wie bereits erwähnt, im Jahre 1783, wurde aber erst 1815 in den Werken Goethes veröffentlicht. Interessant erscheint das Datum, das zum 26. Geburtstag Karl Augusts gewählt und deshalb auch als eine Art dichterisches Geschenk gedacht war. Goethe verwies in mehreren Versen auch mit Recht auf die wirtschaftliche Bedeutung von Ilmenau, in dem er auf die Landwirtschaft, die Hausindustrie - repräsentiert durch die Weberei - sowie vor allem auf den Bergbau verweist. Dabei soll wohl darauf hingedeutet werden, wie sehr sich Goethe und Karl August in ihren Arbeitsgebieten innerhalb der Regierung des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach mit wirtschafts- und sozialpolitischen Problemen befaßten und diese auch in die Praxis umzusetzen versuchten. Daher kann auch das zuvor in Ausschnitten vorgetragene Gedicht Goethes als ein Beispiel dafür angesehen werden, welchen Stellenwert damals der Bergbau im Bereich Ilmenau besaß und wie sich die Freundschaft dieses Wettiners und des Dichterfürsten zum Wohle des gesamten Landes auswirkte.

Für die sozialen Verhältnisse dieses Zeitraumes erscheint auch ein weiteres Gedicht Goethes insofern bemerkenswert, als Goethe in Verkleidung eines Bauern seinen Freund Herzog Karl August wie folgt begrüßt:

"Durchlauchtigster,
Es nahet sich
Ein Bäuerlein demütglich,
Da Ihr mit Eurem Roß und Heer
Zum Schlosse tut stolzieren sehr
Gebt auch mir einen gnädgen Blick!
Das ist schon Untertanen Glück;
Denn Haus und Hof und Freud' und Leid
Hab' ich schon seit geraumer Zeit
Haben Euch so fern auch lieb und gern
Wie man eben lieb hat seinen Herrn,
Den man wie unsern Hergott nennt
Und ihn auch meistens nicht besser kennt.
Geb' Euch Gott allen guten Segen,
Nur laßt Euch uns sein angelegen;
Denn wir bäurisch Blut
Sind doch immer Euer bestes Gut
Und könnt Euch mehr an uns erfreun,
Als am Park (Wildgehege) und Stutereien (Pferde)..."

Dieses Gedicht, das etwa um 1778 entstand, ist offensichtlich in Richtung Landwirtschaft zu deuten. Trotz der beginnenden Industrialisierung, die z.B. im Fall von Kursachsen schon in die Regierungszeit August des Starken fällt und auch in Thüringen bereits damals sich verstärkt zu entwickeln begann, besaß die Landwirtschaft noch immer eine grundlegende Stellung innerhalb der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Es erscheint daher nur allzu begreiflich, daß Goethe seinen Freund Karl August mit dem zitierten Gedicht auf die Wichtigkeit dieses Wirtschaftszweiges hinweisen wollte. Mit Recht bezeichnet er die Landwirtschaft als "Euer bestes Gut", das es auch für die künftige wirtschaftliche Entwicklung zu bewahren gilt. Wichtig ist noch, daß Goethe in bäuerlicher Tracht erschien; das deutet darauf hin, daß der Dichterfürst die Bedeutung des Bauernstandes in sozialer Hinsicht wohl zu würdigen wußte.

In diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen, daß deutsche Monarchen oder weitere Angehörige der regierenden Herrscherhäuser bei den Hoffestlichkeiten des 18. Jahrhunderts vielfach in Verkleidung als Bauern oder Bäuerinnen auftraten. Da diese Hoffestlichkeiten als Vorläufer unserer modernen Fachausstellungen oder Handwerksmessen zu deuten sind, besitzen sie auch für die Wirtschafts- und Sozialpolitik erhebliche Bedeutung. Neben der Landwirtschaft gilt dies auch für den Bergbau. So ist beispielsweise das noch heute viel beachtete Bergmannsfest im Plauen'schen Grund bei Dresden im Rahmen der Hochzeitsfeiern für Kurprinzessin Maria Josepha von Sachsen im September 1719 in dieser Richtung zu deuten. Es darf daher angenommen werden, daß Goethe und Karl August von diesen überregional wichtigen Ereignissen Kenntnis besaßen.

In den Gesprächen mit Johann Peter Eckermann kam Goethe vielfach auf die im Zuge der "Industriellen Revolution" entstandenen Probleme in Meinungsäußerungen zurück. Zukunftsweisend erwies sich besonders seine Vision von der Bedeutung des Welthandelsverkehrs. Dabei vertrat er beispielsweise die Ansicht, daß eine Kanalverbindung vom Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean erforderlich wäre. Diese Tatsache wurde Wirklichkeit durch dem; noch heute für den Weltverkehr bedeutsamen Panamakanal. Des weiteren setzte sich Goethe für den Bau des Suezkanals durch die Engländer ein. Schließlich trat er für eine Kanalverbindung zwischen Donau und Rhein ein. Dazu schreibt er:

"Zweitens möchte ich erleben, eine Verbindung der Donau mit dem Rhein hergestellt zu sehen. Aber dieses Unternehmen ist so riesenhaft, daß ich an "der Ausführung zweifle, zumal in Erwägung unserer deutschen Mittel."

Abschließend betonte Goethe, daß er diese Vorhaben noch zu seinen Lebzeiten verwirklicht sehen wollte. Er hielt es auch der Mühe wert, "ihnen zuliebe noch einige fünfzig Jahre" auszuharren. Diese zukunftsweisenden Äußerungen geschahen im Februar 1827; daher konnte er die Verwirklichung dieser Ideen, die sich für die Weltwirtschaft und den Weltverkehr als grundlegend erwiesen, nicht mehr erleben, weil er bereits 1832 starb. Die genannten Kanäle wurden erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwirklicht. Noch heute harrt allerdings der Rhein-Main-Donau-Kanal der Vollendung, weshalb diese Vorstellungen Goethes auch in unserem 21. Jahrhundert Aktualität für die Wirtschafts- und Sozialpolitik besitzen.

Grundlegende Einblicke in die Stellung Goethes und Karl Augusts zu Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Probleme erhalten wir auch durch eine wissenschaftliche Untersuchung des in St. Gallen, Schweiz, wirkenden Wirtschaftswissenschaftlers Hans Christoph Binswanger. Dieser präsentierte unter dem Titel "Geld und Magie - Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft" im Jahre 1985 eine bemerkenswerte Publikation auf Grund der Werke Goethes der interessierten Öffentlichkeit. Dabei standen besonders die beiden Teile des "Faust" und "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre" im Mittelpunkt der Forschungen dieses schweizerischen Nationalökonomen. Auf Grund unseres vorliegenden Themas möchte ich vor allem auf das instruktive Kapitel "Die ökonomische Praxis: Wirtschaftliche Aufgaben am Weimarer Hof" hinweisen. Dazu schreibt der Autor:

"Wenn Goethe über die Ökonomie spricht, dann weiß er, worum es geht. Als Geheimer Rat am Weimarer Hof war er besonders mit wirtschaftlichen Fragen betraut. Obwohl in dem Geheimen Concilium, das den Herzog in seinen Regierungssachen zu beraten hatte, kein eindeutiger Geschäftseinteilungsplan bestand, so waren doch 'Steuer- und Finanzfragen vielfach Goethes Angelegenheit'. Darüber hinaus widmete er sich als Mitglied des Conciliums vor allem auch Fragen des Bau- und Bergbauwesens."

In einem bemerkenswerten Essay weist Wolfram von den Steinen unter dem Titel "Faust und die Technik" Goethes Arbeit in diesem Bereich wie folgt zusammen:

"Allein die Silberbergwerke von Ilmenau neu in Gang zu bringen und zu halten, kostete ihn zwanzig - zuletzt doch vergebliche - Jahre: und das ging nicht mit Schreibtischverordnungen und Bücherstudien, sondern mit Anweisungen und Zugreifen an Ort und Stelle, meist unter Tag. So war Goethe mit eigener Verantwortung an Salinen, an Wasserbauten, an Hoch- und Straßenbauten beteiligt, ihn beschäftigte das Weimarsche Textilgewerbe (zumeist Strumpfwirkerei), er befaßte sich mit Papiererzeugung, mit Spiritusfabrikation, mit Stählung von Eisen, mit Leuchtgas, mit Zentralheizung und so fort, von mehr wissenschaftlichen Arbeiten nicht zu reden."

In diesem Zusammenhang sollten wir uns fragen: Hat sich Goethe nur notgedrungen mit diesen Problemen befaßt? Binswanger beantwortet diese Frage eindeutig mit "Nein" und weist darauf hin, daß das wirtschaftliche und soziale Interesse des Dichterfürsten ihm zu seiner Stellung am Weimarer Hof verhalf. So ist uns überliefert, daß Karl August und Goethe anläßlich ihres Zusammentreffens am 11. Dezember 1774 in Frankfurt am Main in einem Fachgespräch über die "Patriotischen Phantasien" Justus Mösers diskutierten. Dieser ist bekanntlich als einer der größten deutschen Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts anzusehen.

Da es sich bei diesem Gespräch vorzugsweise um Staats- und Wirtschaftsfragen handelte, bewog das Ergebnis desselben Karl August wohl dazu, Goethe endgültig an den Hof von Weimar zu berufen. Daher war es nur folgerichtig, wenn sich der Dichterfürst dort vor allem den ökonomischen Fragen und deren Lösungsmöglichkeiten widmete. Es sollte aber auch beachtet werden, daß für Goethe und Karl August Theorie und Praxis in enger Wechselwirkung standen.

Wir konnten bereits darauf verweisen, daß Goethe und Karl August sich neben dem Bergbau besonders der wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Textilwirtschaft annahmen. Diese Tatsache fand auch in der Stadtchronik von Apolda ihren Niederschlag. Diese Gemeinde, die zum Herzogtum bzw. Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gehörte, war ein Mittelpunkt der Textilindustrie. In erster Linie galt dies für die Strumpfwirkerei, die im Jahre 1803 mit 602 Wirkstühlen in Apolda vertreten war. Von diesen konnten 144 als ungangbar bezeichnet werden. Unter den gangbaren, d.h. in Produktion befindlichen Maschinen waren 10 sog. Patentstühle, auf denen Hosenstücke und Strümpfe aus Wolle, Halbseide und Baumwolle gefertigt wurden; auf 8 anderen Stühlen konnten wollene und baumwollene Röcke für Frauen und ganze Kinderkleider oder Käppchen produziert werden. Unter den 17 Verlegern beschäftigten die meisten Stühle die Firmen Sonnenschmidt (28), Kappes (36), Laut & Sohn (28), Burkhardt (26), Zimmermann sen. (23), Witwe Grobe (18) und Hoffactor Leutloff (18). 1806 waren noch 361, um Michaelis 1807 noch 337, im Jahre 1808 310 Stühle in Produktion. Dagegen wurden in Weimar noch 25, in Remda 26, in Lobeda 36, in Isserstedt 36, in Buttstädt 16 und in Sulza (heute Bad Sulza) 45 Stühle betrieben. Im November 1809 betrug die Zahl noch 313, davon bearbeiteten 83 Stühle sog. Modeartikel, 31 Castorarbeit und 13 fertigten Arbeit Link und Recht. Am Ende des Jahres waren nur noch 262 Stühle in Funktion, im November 1812 aber bereits wieder 284; der Grund lag darin, daß in diesem Jahre durch den wieder hergestellten Frieden die Produktion von Wolljacken neu in Fabrikation ging. Nach 1815 beschäftigten sich die Wirker als Verleger vorzugsweise mit Wollkämmen, Spinnen und Nähen von Strümpfen. Dann setzte 1818/19 wiederum ein Rückgang der in Betrieb befindlichen Stühle ein. Dennoch konnte ein wichtiger Fortschritt insofern verzeichnet werden, als man verstärkt von Handgespinst auf maschinell hergestellte Garne überging, wobei diese aus der Spinnmaschine von Oberweimar bezogen wurden. Damit konnte ein erneuter wirtschaftlicher Aufschwung erreicht werden.

Großherzog Karl August, der wohl auch in dieser Beziehung durch Goethe unterstützt wurde, stand den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Textilindustrie von Apolda durchaus aufgeschlossen gegenüber. Dazu berichtet die vor kurzem neu aufgelegte Chronik dieser bedeutsamen thüringischen Textilstadt wörtlich folgendes:

"Der Großherzog Karl August suchte der Apoldaischen Fabrikation eine Ausnahmestellung für den Export nach Rußland zu erwirken und forderte das Meister-Collegium auf (24. März 1819) genau zu berichten, wieviel und welche Waaren hier gefertigt werden könnten. Man kann sich leicht denken, mit welcher Freude die Nachricht von dem in Aussicht gestellten Exportgeschäfte aufgenommen wurde. Rußland war in früherer Zeit für die hiesigen Artikel ein Hauptabsatzgebiet gewesen. Später wurde durch aufgelegten Zoll der Handel dahin erschwert und schließlich die Einfuhr ganz verboten. Der damalige Oberälteste, Christian Zimmermann, ließ sofort sämmtliche Verleger zusammenkommen, erstattete denselben Bericht über das eingegangene Rescript und die Herren bewirkten nun gemeinschaftlich folgende Aufstellung: Es sind gegenwärtig noch 444 brauchbare Stühle hier, worauf folgende wollene Waarensorten gefertigt werden: ordinäre Manns-, Weiber- und Kinderstrümpfe, Hosenstücke, Frauen- und Kinderkleider, Camisöler oder Jacken, Kastorstrümpfe und Handschuhe. Von diesen Waaren können jährlich geliefert werden: 7.488 Dtzd. Manns-, 10.400 Dtzd. Weiber- und Kinderstrümpfe, 1.040 Dtzd. Frauenkleider und Röcke, 3.120 Dtzd. Kinderkleider, 1.560 Dtzd. Camisöler oder Jacken, 520 Dtzd. lange Hosensäcke, 2.080 Dtzd. Kastorstrümpfe und Handschuhe. Summa 26.208 Dtzd.- Leider gingen die großen Hoffnungen nicht in Erfüllung."

Diese Chronik berichtet bedauerlicherweise nichts über die Ursachen, weshalb diese für die Sozial- und Wirtschaftspolitik wichtige Maßnahme nicht verwirklicht werden konnte. Trotzdem ist diese Initiative von Karl August bedeutsam, weil durch sie neue Kontakte mit dem Zarenreich angebahnt werden konnten.

In diesem Zusammenhang sei nochmals daran erinnert, daß Karl Augusts ältester Sohn Karl Friedrich am 3. August 1804 die Tochter des Zaren Pauls I. von Rußland heiratete. Damit wurden die Beziehungen zum Osten Europas nicht nur angebahnt, sondern entscheidend vertieft. Somit können diese Kontakte durchaus als Beispiele für eine europäisch orientierte Ostpolitik verstanden werden.

Diese Heirat zwischen Karl Friedrich und Maria Pawlowna führte schließlich dazu, daß 1815 durch den Wiener Kongreß der bisherige Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach den Titel "Großherzog" mit dem Prädikat "Königliche Hoheit" erhielt. Fortan nannten sich Karl August und seine bis 1918 regierenden Nachkommen Großherzöge von Sachsen". Auf diese Weise wurden Weimar und Eisenach Bestandteile des Großherzogtums Sachsen und gehörten unter dieser Bezeichnung bis 1866/67 dem Deutschen Bund und von 1870/71 bis 1918 dem preußisch dominierten Deutschen Reich an.

Karl August trat bereits im 18. Jh. in engere Kontakte zum nördlichen Nachbarland Preußen. Ein erster Ansatz bildete der Deutsche Fürstenbund, der sich den Plänen Kaiser Josephs II., Bayern für Österreich zu erwerben und den bayerischen Kurfürsten Karl Theodor mit den Österreichischen Niederlanden abzufinden, widersetzte. Karl August trat diesem Bündnis bei und wurde damit ein enger Partner Friedrichs II. von Preußen. Diese Linie der Zusammenarbeit mit den Hohenzollern setzte er auch während der Napoleonischen Ära entschieden fort und verlor daher im Kampf gegen das revolutionäre Frankreich 1792-94 fast alle seine thüringischen Besitzungen. Als Folge der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 trat er auf alliierte Seite und diente als russischer General in den Niederlanden.

Nach seiner Rückkehr nach Weimar ordnete Karl August die Ausarbeitung einer ständischen Verfassung für das Großherzogtum Sachsen im Rahmen der Deutschen Bundesakte an. Diese wurde zum unmittelbaren Vorbild weiterer Verfassungen im Bereich des seit dem Wiener Kongreß 1815 bestehenden Deutschen Bundes. Dieses 1816 in Kraft getretene Verfassungswerk beeinflußte u.a. auch die 1830/31 verabschiedete erste demokratische Verfassung des von den Albertinern regierten Königreiches Sachsen. Auf dieser Basis gelang es dem Großherzog in Zusammenarbeit mit Goethe auch, die Staatsfinanzen zu sanieren.

Wichtig wurde das Jahr 1817 dadurch, daß Karl August den studentischen Burschenschaften die Freiheit einräumte, ihre Treffen auf der Wartburg oberhalb von Eisenach im Sinne der deutschen Einheit und Freiheit durchzuführen. Auf Grund der Karlsbader Beschlüsse des Deutschen Bundes mußte er jedoch einen Teil seiner Zustimmung wieder zurücknehmen. Trotzdem trat er auch weiterhin gemäß seiner liberalen Einstellung für eine gemäßigte Handhabung bestehender Vorschriften gegenüber den Studentenschaften auch in der von den thüringischen Fürstentümern getragenen Landesuniversität Jena ein.

Interessant ist auch die Tatsache, daß Goethe in seinem Werk "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre" sich auch zur Problematik des noch heute aktuellen Eigentumsbegriffes äußerte. Das ist deswegen wichtig, weil diese grundlegende Frage auch in unserer Zeit in allen modernen Verfassungen als Grundrecht aufscheint. Grundsätzlich trat Goethe dafür ein, daß Privatbesitz nicht aufgehoben werden sollte. Vielmehr könnte dieser so verwaltet werden, daß der Nutzen des Eigentums auch der Allgemeinheit zugute kommt. Damit wird die soziale Bindung des Eigentums, wie sie auch in unserem Grundgesetz verankert ist, angesprochen. Dazu heißt es in "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren":

"Besitz und Gemeingut! Heben sich diese beiden Begriffe nicht auf. Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern, ergreife mit allen seinen Fähigkeiten soweit umher, als er zu reichen fähig ist, immer aber denkt er dabei, wie er andere daran wird teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt, als andere durch sie genießen... Jede Art von Besitz soll der Mensch festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er muß Egoist sein, um nicht Egotist zu werden, zusammenhalten, damit er spenden könne. Was soll es heißen, Besitz und Gut an die Armen zu geben? Löblicher ist es, sich für sie als Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte Besitz und Gemeingut; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen werden ohnehin im Wettlaufe schon jedermann angehören."

Dieses Zitat ist einer Romanfigur in den Mund gelegt, wobei es durchaus fraglich erscheint, ob sich darin die eigene Ansicht Goethes widerspiegelt. Mit Recht verweist wiederum Hans Christoph Binswanger darauf hin, daß der gesamte "Wilhelm Meister" von Überlegungen dieser Art geprägt ist. Daher dürfte dies mit einiger Sicherheit, wie er meint, die Überzeugung Goethes gewesen sein. Bemerkenswert ist, daß der Dichterfürst in diesem Zusammenhang auch die Problematik der "Sozialen Frage" anspricht. Diese wird im 19. Jh. vor allem durch die Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen in Form der Arbeiterfrage in die Diskussion eingebracht und führte schließlich in verschiedenen deutschen Ländern zu Sozialreformen. Beispielsweise geschah dies im Königreich Sachsen durch eine um 1840 als Folge des Anwachsens der Sozialbewegung einsetzende Diskussion, die schließlich 1861 zum Erlaß eines ersten modernen Gewerbegesetzes führte. In diesem Gesetzeswerk wurden zahlreiche soziale Forderungen wie z.B. Verbot der Kinderarbeit, Regelung der Arbeitszeit, Schutz der werdenden Mütter, erste Ansätze zu einer Kranken- und Rentenversicherung geregelt. Zu bemerken ist noch, daß dieses Gewerbegesetz mit dem Namen des Königs Johann von Sachsen eng verbunden ist. Dieser Albertiner wurde durch seine sozialen und wirtschaftlichen Kenntnisse weit über die Grenzen Sachsens hinaus als hervorragender Kenner der Sozial- und Wirtschaftspolitik bekannt. So dürften mit aller Wahrscheinlichkeit dessen Bestrebungen auch Karl August und seinen Freund Goethe geläufig gewesen sein, befaßte sich doch Johann bereits als Prinz mit diesen wichtigen Problemen im Zusammenhang mit der Industrialisierung seines Landes.

Schließlich ist auch darauf zu verweisen, daß beide Weimarer Freunde wesentlichen Anteil am Ruf ihrer Haupt- und Residenzstadt als Kunst- und Kulturzentrum besaßen. Dies kann auch als bedeutender Faktor ihrer sozialen und wirtschaftlichen Gesinnung betrachtet werden. Die Auswirkung ihrer Grundrichtung zeigt sich noch in unserer heutigen Zeit in dem Umstand, daß die Stadt Weimar durch ihre Weltoffenheit und Bekanntheit Touristen aus aller Welt anzieht. Daher ist der Fremdenverkehr beruhend auf den bahnbrechenden Leistungen Karl Augusts und Goethes eine wichtige und nicht zu unterschätzende Einnahmequelle. Mit Recht können wir daher dem Historiker Kurt Langlotz zustimmen, wenn er sich über die Zusammenarbeit dieses bedeutsamen Ernestiners mit seinem dichterischen Freund wie folgt äußert:

"Karl August hat, mit Goethe zur Seite, über ein halbes Jahrhundert, gegründet auf der Philosophie der Aufklärung und der Erkenntnisse des Humanismus, als Fürst und Sohn seiner Zeit die Tür der Freiheit und des Fortschritts zum Wohle seines Landes offen gehalten, während er in seinen weit gespannten sonstigen politischen Absichten resignieren mußte."

 

 

 

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Binswanger, Hans Christoph Geld und Magie - Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft, Stuttgart 1985
Eckermann, Johann Peter Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, München 1988
Goethe von, Johann Wolfgang Gedichte, Stuttgart 1967
Goethe von, Johann Wolfgang Gedichte - eine Auswahl, Leipzig 1976
Hermanowski, Georg Weimarer Klassik, Bonn 1984
Kaminiarz, Irina - Lücke, Hans Goethes Weimar - Ein Reisebuch, Hamburg 1991
Kopelke, Wolfdietrich Was wir bringen - Das Weimarische Hoftheater unter Goethe, Bonn 1987
Kronfeld, Julius Constantin Geschichte und Beschreibung der Fabrik- und Handelsstadt Apolda und deren nächster Umgebung, Apolda 1871 Reprint Apolda 1997
Mast, Peter Thüringen - Die Fürsten und ihre Länder, Graz-Wien-Köln 1992
Meyer-Abich, Klaus Michael - Matussek, Peter Skepsis und Utopie - Goethe und das Fortschrittsdenken, in: Goethe-Jahrbuch 110/1993, Weimar 1993, S. 185-207
Sachsen Herzog zu, Albert Die Wettiner in Lebensbildern, Graz-Wien-Köln 1995
Schmidt-Möbus, Friederike - Möbus, Frank Kleine Kulturgeschichte Weimars, Köln-Weimar-Wien 1998
Schwarz, Herbert (Hrsg.) Internationale Ex Libris-Ausstellung: Goethe und Schiller im Ex Libris, Kronach 1994
Taubert, Erich Goethe-Straße - Frankfurt-Weimar-Leipzig, Eschwege 1998
Tümmler, Hans Herzog/Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach - Förderer und Mittelpunkt der deutschen Klassik, Bonn 1989
Tümmler, Hans Johann Wolfgang Goethe und Christian Gottlob Voigt - Ein Briefwechsel, Bonn 1989
Wagenbreth, Otfried Goethe und der Ilmenauer Bergbau, Weimar 1983
Wagenbreth, Otfried Goethe und die Dampfmaschine, in: Goethe-Jahrbuch 104/1987, Weimar 1987, S. 63-64

 

Dieser Vortrag wurde von IKHH Dr. Albert Prinz von Sachsen Herzog zu Sachsen und Elmira Prinzessin von Sachsen Herzogin von Sachsen im Hotel Russischer Hof zu Weimar am 26. Juli 2003 gehalten.

 

 
 

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