Als Herbert Buzas im Jahre 1949 in einem Gasthof bei Imst einkehrte, ahnte er nicht, daß er damit eine historische Stätte besuchte

Alpendrama

Von Herbert Buzas



 
 

 

zum Großbild
König Friedrich August II. von Sachsen

Herbert Buzas ist seit 1936 Journalist. Heute erinnert er sich an seine Begegnung mit Theresia Mayr, die Licht ins Dunkel eines Verkehrsunfalls brachte, der 95 Jahre zuvor die Gemüter erschüttert hatte.

Im November 1949 übernachtete ich im Zimmer 2 des Gasthofes "Neuner" in Brennbichl bei Imst. Von der Wand herab wachte über meinen Schlaf ein würdiger Herr, der mich aus einem goldenen Rahmen hinter Glas anschaute. In einer Vitrine entdeckte ich ein weißes Kopfkissen mit großen, vertrockneten Blutflecken. Erst als ich am Morgen den Raum verließ, wurde mir klar, daß ich an einer historischen Stätte in Morpheus Armen gelegen war. Eine Marmortafel über der Türe verriet mir nämlich, wer der hoheitsvoll wirkende Herr auf dem Bild war.

"In diesem Zimmer verschied Seine Majestät, Friedrich August II. von Sachsen, am 9. August 1854 vormittag gegen 11 Uhr an den Folgen der erlittenen Kopfverletzung."

Die 87 Jahre alte Theresia Mayr in Imst brachte in einem Gespräch Licht ins Dunkel eines Verkehrsunfalls, der 95 Jahre zuvor als Sensation die Gemüter der Zeitgenossen erschüttert hatte. Frau Mayr erzählte:

"Meine Mutter war, als der König von Sachsen Tirol bereiste, Gastwirtin in Brennbichl. Anfang August war Friedrich August II. mit dem Pfarrer von Keniaten durch das Sellrain nach Kühtai und von dort über Silz nach Imst gewandert. Der König kannte bereits ganz Tirol, das Pitztal ausgenommen. Dieses Tal wollte er am 9. August erkunden, nachdem er im Gasthof 'Post' in Imst übernachtet hatte. Am frühen Morgen ließ er einspannen und fuhr mit einem Begleiter gegen Brennbichl. In der Nähe der Innbrücke war der Weg ziemlich schlecht, doch der Postillon wagte es nicht, den hohen Gast zum Aussteigen zu veranlassen."

Theresia Mayrs Erzählung über das Geschehene, das sie von ihrer Mutter immer wieder geschildert bekommen hatte, nahm nun die Präzision eines modernen Gendarmerieberichtes an: In der Nähe der Brücke verließ der König aus eigenem Antrieb den Wagen. Er fiel beim Ausstellen so unglücklich zwischen die beiden Pferde, daß eines der scheu gewordenen Tiere ausschlug und dabei die Hirnschale des Sachsenherrschers verletzte.

Letzte Ölung für den König

Blutüberströmt und bewußtlos wurde der König auf einer Bahre in das Gasthaus in Brennbichl getragen, wo ihm der Kaplan die Letzte Ölung spendete. Theresia Mayr hielt die Tränen zurück, als sie fortfuhr:

"Um 11 Uhr ist König Friedrich August, ohne zu Bewußtsein gekommen zu sein, in Anwesenheit meiner Eltern auf einem weißen Polster verschieden. Jetzt erst erfuhr meine Mutter, daß der Tourist, der vor ihren Augen entschlummert war, der König der Sachsen war. Seine Leiche wurde nach Dresden überführt."

Ein Jahr später kam die Königinwitwe mit ihrem Hofstaat nach Brennbichl, um bei der Einweihung der zu Ehren ihres Gemahls errichteten Gedächtniskapelle dabeizusein. Sie mietete das Sterbezimmer des Königs auf 50 Jahre. Das Totenbett wurde verschnürt und versiegelt.

Immer wieder kamen sächsische Prinzen zu den Jahresgottesdiensten nach Brennbichl.

"Meine Mutter bekam zum Dank für ihren Beistand in der Sterbestunde des Königs und für die 50jährige Betreuung des Sterbezimmers vom sächsischen Hof eine schwere Goldkette geschenkt. Sie ist heute noch in unserem Familienbesitz."

Mit dieser Erinnerung beschloß die hochbetagte Frau und Tochter der Erlebniszeugin einer historischen Sterbestunde bei meinem Besuch im November 1949 ihren Bericht.

 

Dieser Beitrag erschien in der TIROLER TAGESZEITUNG vom 10. Juli 1997. Die Veröffentlichung auf diesen Seiten erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 

 
 

Alle Rechte vorbehalten!

 
     
 

Seitenanfang

zurück

Startseite - Albert Prinz von Sachsen